Archiv für den Monat Juli 2012

An der Würze liegen die Pfürze – eine schmackhafte Reise durch ghanaische Gaumenfreuden

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„Sir Matthias, you like eating toooo much!“ Was die Ghanaer als Kompliment meinen, ist tatsächlich nicht ganz an der Realität vorbeigeschossen. Riesige Portionen Reis mit ordentlich Palmöl; Gemüse, Brot und Ei schön frittiert; dazwischen gerne mal ein Eis oder fettiges Gebäck; sportliche Betätigung meist nur in Form von Wäschewaschen und Kinder hochheben, da kann man den Blähbauch nicht mehr nur auf die erhöhte Bohneneinnahme schieben. In diesem Sinne begeben wir uns nun also, wie schon lange versprochen, auf einen kurzen Exkurs in die örtliche Kulinarik:

Vornherein zur Erklärung:

Yam: Dürften einige von meiner Abschlussfeier kennen: Eine Wurzel beträchtlichen Ausmaßes (ungefähr so groß wie eine 1,5l-Flasche) und geschmacklich der Kartoffel sehr ähnlich, von der Konsistenz her etwas mehliger.

Cassava: So ähnlich wie Yamwurzeln, nur etwas kleiner, bei uns soweit ich weiß unter dem Namen Maniok bekannt.

Kochbanane (plantain): Also es gibt hier einerseits Bananen, die so schmecken wie unsere und als Obst verzehrt werden, aber so klein sind, dass sie sich nicht nur Olli Kahn vollständig in den Mund schieben kann, und andererseits Bananen, die so groß sind und so aussehen wie die Bananen bei uns im Supermarkt, aber wie Kartoffeln schmecken und verwendet werden, die Kochbananen.

Nun zu den Gerichten:

Fufu: Gilt als das Nationalgericht Ghanas. Wenn man hier gefragt wird, ob einem Fufu schmeckt, was recht oft vorkommt, und man ehrlich mit ja antworten kann, macht man sich schonmal allseits beliebt. Es handelt sich dabei um einen Kloß aus Plantain-, Cassava- und/oder Yambrei, der von meist sog. „Mothers of Fufu“ mit einem mannshohen Stock in einem Holzbottich (woma und waduro) gestampft wird. Serviert wird das Ganze dann in einer großen Schüssel zum Beispiel mit einer ordentlich scharfen Fleisch-Fischsoße und man zupft mit der rechten Hand kleine Stücke vom gummiartigen Klumpen ab. Also mir schmeckts, solange nicht zu viele Spelter im Fufu und Gräten in der Soße sind, aber mein Lieblingsgericht ist es nicht. Auch habe ich schon mehrere Weiße getroffen, die sich wie ich fragen, warum sich die Ghanaer so wahnsinnig viel Arbeit machen, einen relativ geschmacklosen Breiklumpen zu stampfen, während die einzelnen Zutaten gekocht einen ganz guten Eigengeschmack haben. Gibts aber eh nur in Restaurants, die „canteen woman“ kann ja nicht für zig Leute rummantschen.

Gari and beans: Esse ich hier mit am liebsten und habs auch schon paarmal selber zubereitet – mit annehmbarem Ergebnis. Ist auch ganz einfach, man kocht die Bohnen weich, gibt Palmöl (je nach Wunsch mit angebratenen Zwiebeln) dazu und mixt das Ganze mit Gari, kleingeraspelten Cassavawurzeln, die man rein äußerlich auch mit Parmesan verwechseln könnte.

Daneben gibt’s noch süßes Gari, dazu werden die Raspeln mit einem Schuss Zucker in eine Tasse Wasser gegeben und man bekommt etwas, das so ganz leicht an flüssigen Grießbrei erinnern könnte, auch sehr interessant.

Reis: Gibt’s hier in allen möglichen Varianten und für die Ghanaer ist jede davon ein absolut eigenes Gericht, das man nie einfach nur salopp unter dem Stichwort Reis zusammenfassen würde. Wer damit wenig anfangen kann, sollte besser nicht nach Ghana kommen, in der Regel wird mindestens einmal am Tag Reis gegessen. Ich fühl mich aber recht wohl damit und hab mich auch schon ganz gut an die kleinen Fischköpfe in der Soße gewöhnt.

Waakye: Gibts sehr oft an der Schule, Reis mit viel Bohnen, scharfer Tomatensoße und Fisch, perfekt, wenn man viel Hunger hat. Hab auf dem Weg nach Kumasi aber auch schon eine „Waakye Boutique“ für den stilvollen Genießer gesehen 🙂

Jollof Rice: So bisschen wie der Reis, dens zum Beispiel in Kroatien gibt. An der Schule wird dann noch ein gekochtes Ei dazu gereicht, fertisch.

Rice Balls: Deftige Reisknödel mit meist guter Fleischsoße, manchmal auch schlechter Fischsoße.

Fried Rice: Erinnert stark an den Reis, den man bei uns beim Asiaten bekommt. Bisschen Salat, Karotten, Zwiebeln, Gewürze, ein Hähnchenschenkel und ein Schuss Ketchup und wenn man will, kann man noch Nudeln dazubestellen und bekommt damit eine super afrikanische Nudelbox – erhältlich an jedem gut sortierten Straßenstand.

Plain Rice mit Stew: Erklärt sich von selbst. Kontomire-Stew, eine Variante davon, ist dabei so ähnlich wie Spinat.

Yam (kommt nicht nur ins Fufu):

Boiled Yam: Gekochte kartoffelgroße Yamstücke, meistens mit „bean stew“ oder „garden egg* stew“ (*zu Deutsch: „Äthiopische Eierfrucht“)

Fried Yam: Frittierte Yamschnitze, die ghanaische Form von Pommes, in der Regel erhältlich zusammen mit einem wahrlich atemberaubenden Pepper-Stew

Yam Balls: Sehr lecker, Yambrei mit Karotten und anderem Gemüse in einem leicht angebratenen Knödel. Hab ich leider erst zwei Mal gegessen, im Kloster und in Cape Coast, und sonst noch nirgends gesehen.

Fried Plantain: Sehr fettige, frittierte Kochbananenstücke, ziemlich süß, gibts manchmal zu gari and beans.

Kenkey: Gehört zu den wenigen Dingen, die ich überhaupt nicht mag. Ich hab mich eigentlich ziemlich drauf gefreut, als ich die Beschreibung Maisballen gehört hab, aber hat dann nicht ganz so meinen Geschmack getroffen. Der Maisbrei, den man hier überall als einen in Palm- oder Maisblätter eingewickelten Klumpen am Straßenrand kaufen kann, war recht bitter und säuerlich und in der Schule wurde das Ganze dann noch in einer ziemlich schleimigen Fischsoße serviert, also drei Mal haben mir bis jetzt gereicht. Aber anderen Leuten schmeckts super, also nichts gegen das Gericht.

Banku: Eine Mischung aus Kenkey und Fufu, meiner Meinung nach näher am Kenkey und deswegen weniger betörend.

Bread and Egg: Es wird ja bekanntlich dazu kommen, dass der Döner den Menschen ersetzen wird. Für mich hat hier aber erstmal das Bread and Egg den Döner ersetzt. Fast durchgehend erhältlich, schnell mal im Vorbeigehen zu essen, superlecker und stets mit dem Gedanken verbunden, dass man nicht unbedingt zu viel davon reinhauen sollte (Stichwort Eier aus Freimüllhaltung usw.). Rührei in Toastbrot, soweit der Gaumenschmaus in nüchterne Worte gepackt.

Was gibts sonst noch so zu schnabulieren: Gegrillte Würste, die gar nicht mal schlecht schmecken (für die Zutaten gilt: Was ich nicht weiß, macht nur die Wurst heiß…), Meat Pies, für die dasselbe gilt, Frühlingsrollen oder anders Gebäck mit Bohnen oder Kraut, gekochte oder gegrillte Maiskolben und vieles mehr.

An süßen Sachen wären zu nennen: Bofrot und Sweet Balls, süßes dampfnudel- bzw. kuchenähnliches Gebäck, handgemachte Kekse, Fan-Ice, also so ne Vanilleeiscreme in der Tüte, göttlich, oder unglaublich exquisite Karamell-Nuss-Klötze. Desweiteren taugen verschiedenste Nüsse, salziges Gebäck oder Bananenchips perfekt als Knabberzeugs.

Dazu gibts natürlich noch jede Menge Obst, frische Ananas, Orangen, Bananen, Mangos (is leider grad nicht mehr Hochsaison), Papaya, Avocados (die allerdings meistens zu Reis oder Yam gegessen werden), Kokosnüsse, Zuckerrohr zum Kauen und Ausspucken, Kakaobohnen zum Schluzen und Ausspucken, Wassermelonen usw.

Also alles in allem muss ich sagen, ich bin hier essenstechnisch wirklich sehr zufrieden. Ich hab ja auch zuhause schon ne gute Portion Spätzle der Lachsschaummousse an Trüffel-Weißwein-Creme vorgezogen, insofern fühl ich mich super wohl damit, dass ich hier mittlerweile ganz gut weiß, was aufn Tisch kommt, und mittags nach der Schule hab ich eh meistens so Hunger, dass mir vieles egal ist.

Mit kulinarischen Kuriositäten wie frittierten Fledermäusen, gedünsteten Gelbbauchunken oder halbgaren Heuschrecken, was manche vielleicht denken, hat die ghanaische Küche von heute wenig zu tun. Ab und zu sieht man mal Leute, die Schnecken, Krebse, Tintenfisch oder Buschratten verkaufen, aber dazu würden unsere Nachbarn im Westen ja auch „Buon appétit“ sagen.

So lass ichs mir also mit Leib und Seele gutgehen – das Bäuchlein wächst und gedeiht. Das praktische hier in Ghana ist, dass einem zumindest in der Stadt das Essen meist noch in Form von großen Kisten auf den Köpfen von Verkäufern aller Altersstufen entgegenläuft, was schon ein bisschen was von Schlaraffenland hat, auch wenn man den meisten Verkäufern natürlich einen anderen Job wünschen würde.

In diesem Sinne wenden wir uns dem Verdauungsschläfchen zu, mehr Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke gibts dann wieder im nächsten Blog.

Bis dann, liebe Grüße, und bei wems bald Essen gibt: An guaden!

Le Chefkoch himself, Matze

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Ghana, ein Sommermärchen?

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Good afternoon, buona sera!

Eigentlich hab ich nicht viel Zeit, weil ich grade sehr mit Studienbewerbungen beschäftigt bin, aber der Juni ist vorbei, die EM hat ein jähes Ende für Deutschland gefunden und so sehe ich mich in der Pflicht, euch wieder mal auf den neuesten Stand zu bringen. Er hatte so gut angefangen, der Ayewohomommo, wie der Juni hier heißt, mit dem Länderspiel im Baba Yara Stadium, entspannten Aktionen mit den anderen Volunteers und der Vorfreude auf die Europameisterschaft. Letztendlich muss ich jetzt sagen, der Juni war leider nicht so überragend wie die drei Monate zuvor.

Samstag vor zwei Wochen waren wir recht lange bei Peter, nähen, unterhalten, Musik hören, ich wollte dann aber doch um 3 Uhr nachts noch nach Hause, damit ich sonntags gemütlich ausschlafen kann. Keine so gute Idee. Auf halber Strecke ist mir ein dubioser Typ gefolgt, hab mich schon nicht wohl gefühlt, dann haben wir allerdings kurz vor der Schule ein normales Gespräch begonnen und ich war wieder beruhigt, bis er mich nach der Uhrzeit gefragt und mir im richtigen Moment das Handy aus der Hand geschlagen hat (mit so ner Art Buschmesser, das ich erst dann richtig gesehn hab). Naja, hab dann in dem Moment irgendwie gedacht, vielleicht merkt er, dass er mit meinem schon recht alten Handy nicht viel anfangen kann, bei dem schon die erste Taste gefehlt hat, und hab ihm dafür Geld gegeben. Im Nachhinein fast zum Schmunzeln, ich hab meinen Geldbeutel rausgeholt, ihm paar Scheine gegeben und den Geldbeutel wieder eingesteckt, hat eigentlich nur noch das „Stimmt so“ gefehlt. Also obwohl ich laut um Hilfe gerufen hab und kurz danach gestürzt bin und am Boden lag, er hat mir nichts getan, hat fast höflich gefragt, ob ich ne Kamera dabeihab, und ist dann verschwunden. Wusste denk ich selber nicht so genau, was er da macht, und ich hatte auch nicht das Gefühl, der wäre in der Lage, mir wirklich was anzutun. Ich durfte sogar die Schokocreme behalten, die ich dabeihatte, auch wenn die 500g innerhalb der nächsten vier Tage aufgebraucht waren 😉 So wars denk ich eine gute Warnung, in Zukunft doch etwas vorsichtiger zu sein, ich hatte zum Glück weder Laptop noch Kamera dabei, wie das auf dem Heimweg nach den Spielen um 9 oder 10 oft der Fall war, und das Handy und die umgerechnet 10 € oder so kann ich gut verkraften (lag eh noch ein Handy von den alten Volunteers in meinem Zimmer und ich bin ein paar nervige Anrufer los). Das blöde ist halt, ich hab mich bis jetzt immer so sicher gefühlt, nie ist mir irgendwas passiert und ich hab nicht im Traum daran gedacht, dass so etwas mal vorkommen könnte. Hab dann erstmal die nächsten zwei Tage in jedem verdächtig ausschauenden Mann auf dem Weg nach Tanoso den möglichen Täter gesehn, weil ich mich nicht wirklich an das Gesicht erinnern konnte, aber das  hat sich auch schnell gelegt. Ich bin nicht von der Realität in einen Alptraum gerutscht, sondern von einem Traum in die Realität. Ich hab mich hier nach einiger Zeit fast sicherer gefühlt als in Deutschland und bin bedenkenlos rumgelaufen, weil die Leute einfach alle so super freundlich und höflich waren.  Jetzt weiß ich, dass ich hier nachts um 3 ebenso wenig alleine rumlaufen sollte wie in den dunkelsten Ecken Hochzolls. Am Tag braucht man sich nix denken, da sind überall Leute unterwegs, Schüler, Kinder, Hausfrauen, Studenten … Ich lauf halt jetzt nicht mehr allein im Dunkeln nach Hause, mein Lehrerkollege und Sportsfreund Mike oder Freunde von ihm haben mich nach jedem Spiel heimbegleitet.

Das ist einer der positiven Punkte, dass ich mit Mike einen Ghanaer gefunden habe, dem ich wirklich vertraue, mit dem ich mich verstehe und der mich als Freund und nicht als Obruni sieht. Ein typischer Ghanaer, der treu seiner Kirche folgt, abartig billige Ghanaian Movies anschaut (ungefähr sowas wie die Verfilmung einer Bravo-Fotostory, köstlich), sich schön in Hemd und Anzughose kleidet, aber in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ohne fließendes Wasser lebt und auf dem Boden kocht, gerne mal die Moskitos als „stubborn“ bezeichnet oder „small small pepper“ hinzugibt, sich leidenschaftlich dem FC Chelsea hingegeben hat und nicht gerade durch deutsche Pünktlichkeit glänzt. Aber da haben die Ghanaer eh eine ganz andere Einstellung als wir. Ich habe immer gefragt, ob er Zeit hat, zum Spiel zu kommen, oder ob ichs besser in Denkyemuoso anschaue, damit er mich nicht heimbegleiten muss. Klar kommt er und ich soll natürlich auch kommen, hieß es, was ungefähr bei jedem zweiten Mal nicht der Fall war. Wenn spontan ein anderer Freund was von einem braucht, kurzfristig noch ein Gottesdienst stattfindet oder man auf dem Weg von einem Bekannten angesprochen wird, dann ist es für Ghanaer selbstverständlich, dass dann erstmal das gemacht wird. Auch wenn man eigentlich schon eine Verabredung hat, die ist dann erstmal zweitrangig, hier wird nicht gesagt, tut mir Leid, ich hab schon was vor, oder ich hab im Moment keine Zeit. Das ist eben ein anderes Verständnis von Vereinbarungen und man sollte deswegen nicht einfach sagen, die Ghanaer sind unzuverlässig. Ich musste zwar ein paar Mal länger warten oder rumtelefonieren, aber ich bin nach jenem Tag jedes Mal mit Begleitung sicher nach Hause gekommen.

Das erste, was Ghanaer normalerweise machen, wenn sie dich ein bisschen besser kennen, ist, dass sie dich in ihre Kirche einladen. Davon hat mich Mike bisher zum Glück verschont. Hab noch einmal eine Kirche hier besucht, das ist einfach alles so oberflächlich, laute Musik, kitschige Glitzer-Gewänder, euphorische Amen- und Halleluja-Rufe zu jedem Bibelvers und zum Teil wird halt tatsächlich noch gepredigt, dass der Mann die Frau behüten soll und die Frau dem Mann gehorchen. Auch bietet mir Mike ständig Essen an und bezahlt zum Teil für mich, ich muss schon schauen, dass ich mehr bezahle, sonst geht das hier in eine Richtung, die mir nicht passt (du freust dich ja immer so über Zitate, Vale). Hab ihm vor der EM ein Deutschlandtrikot geschenkt, das hat er zu jedem Spiel getragen, ich wurde schon angesprochen mit „Oh, you germanized him!“  Schade, dass wir davon nur noch ein Trauerbild zusammen machen können.

So, ne halbe Seite fast nur über ihn, was ist da denn los? Der Matze wird doch nicht mit nem Chelsea-Fan … ? Defitidefinitiv nein. Ebenso wenig will ich mit ihm als Kumpel rumprahlen wie mit einem dressierten Schoßhündchen. Aber vielleicht interessierts ja den ein oder anderen, wie der Ghanaer an sich denn so lebt. Oder biologisch formuliert, wodurch sich der Lebenszyklus des gemeinen Wald- und Wiesenghanaers, der meistverbreiteten Spezies hier, denn so auszeichnet. Mit den Schülern kann man außerhalb der Schule leider wenig machen, weil man sonst halt immer der Onkel ist, der alles zahlt, und zu einigen ist das Vertrauen auch schon weg. Die meisten Lehrer sind nett, ohne dass man jetzt groß was mit ihnen in der Freizeit machen würde. Einer macht auch nur ständig Heiratswitze über mich und meint, wenn er nur lange genug in Twi auf mich einredet, werd ichs schon lernen. So ist halt Mike der einzige, mit dem ich so richtig das ghanaische Leben kennenlerne und deswegen gings jetzt auch hauptsächlich darum.

Das einzige, was ich irgendwie komisch finde, sind seine Freunde, zum Teil recht wohlgenährte Frauen, die nicht gerade vor Elan und Lebensfreude strotzen. Letztens haben wir zusammen Fufu gemacht und zwei Typen wollten mich beim Stampfen fotografieren, wobei ihnen meine Kamera runtergefallen ist, schön aufs Objektiv. Ein kurzes Sorry und danach gings fröhlich weiter; bis auf Mike war sich eigentlich keiner so wirklich bewusst, dass da grade ne recht gute Kamera „gespoiled“ wurde (spoil ist hier der Universalausdruck für kaputtgehen, beschädigen, verschimmeln, verschmutzen, vermiesen etc.). So war auch mein Nachmittag danach ziemlich gespoiled und ich war zum ersten Mal richtig angepisst von der Don’t-worry-Mentalität der Leute hier, weil ich mir einfach gedacht hab, wieso kommt jetzt plötzlich alles so zusammen. Wir sind dann aber am nächsten Tag nach Kumasi rein und in so nen Hinterhof, wo vier Leute an nem Tisch voller Fotozubehör saßen und tatsächlich alles wieder zusammenlöten, kleben, schrauben und ersetzen konnten (Ohne Löten kein Kleben, ohne Klöten kein Leben, fällt mir grad so auf). Danach war ich wieder „total euphorisch“, ums in Mesut Özils engagierter Ausdrucksweise zu sagen, und ziemlich begeistert von dem, was hier in Ghana alles möglich ist – wer repariert dir in Deutschland schon für umgerechnet 20 € ne Kamera mit schräg eingedrücktem Objektiv?

Die Regenzeit ist mittlerweile voll in ihrem Element, es ist fast nur noch bewölkt, merklich kühler und regnet zum Teil stundenlang durch, wahrscheinlich schlägt das auch ein bisschen aufs Gemüt. Wenn der Blog mit Sound wär, müsste jetzt von so ner Darth-Vader-Stimme „Melancholie“ kommen 😉 Ist manchmal echt schwierig, die Wäsche noch ordentlich zu trocknen, und da ich zu spät von Boxershorts auf Schlafanzug umgestiegen bin, war ich jetzt auch noch bissl erkältet, wer hätts gedacht, auf natürlichem Wege ohne Klimaanlage.

Also fass mer mal zusammen: Ausgeraubt, Kamera kaputt, Regen, Niederlage gegen Italien, von der Studiensuche genervt. Naja, gehört eben auch dazu. Die ersten drei Monate waren wahrscheinlich einfach zu perfekt, alles hat irgendwie gepasst, keine Probleme weit und breit, war eigentlich klar, dass das nicht immer so bleiben kann. Ich wollte Land und Leute kennenlernen, diesen Monat hatte ich nun halt weniger Land und mehr Leute. Und genug schöne Erlebnisse gab es natürlich auch: Wir waren mal wieder als große Gruppe im italienischen Nationalzirkus, der grade in Kumasi gastiert, bin kein großer Zirkusfan, aber da waren schon paar gute artistische Nummern dabei. Passend dazu gings paar Tage später zum Pizzaessen, ist schon interessant, wie man sich mittlerweile an die Preise hier gewöhnt hat. 12 Cedi für ne Pizza, zunächst einmal wahnsinnig viel, weil Reis halt nur 1 bis 4 Cedi kostet, aber umgerechnet grade mal 6 € und war echt lecker. Trotzdem, ich persönlich brauchs nicht nochmal, Reis und Yam sind auch lecker und ich fühl mich irgendwie blöd, wenn ich wie die Superreichen hier Essen gehe und damit dazu beitrage, dass die Preise auch für die Einheimischen steigen. Auf ner Hochzeit waren wir auch noch, das war unter anderem vom Raumschmuck her so wie Prinzessinnengeburtstag 3. Klasse (der Bräutigam mit edler rosa Fliege), aber muss man auch mal erlebt haben. Lisa und ich haben zusammen Gari and beans gekocht, unser gemeinsames Lieblingsessen, hat viel Spaß gemacht und gar nicht so übel geschmeckt (ist nicht ganz einfach, von Ghanaern ein Rezept zu bekommen, da wird dies und jenes vergessen, weils für die Leute hier klar ist). Aber der nächste Versuch wird ein kulinarischer Orgasmus! Ansonsten hab ichs endlich mal geschafft, paar Stoffe zu kaufen und die zu unserem Schulschneider zu bringen, die ersten Hosen dürften bald fertig sein. Meiner sechsten Klasse hab ich den Trikotsatz übergeben, den ich von den Sportfreunden mit nach Ghana bekommen habe (herzlichen Dank schon mal an dieser Stelle!), danach gings drunter und drüber – also Schuluniformen drunter und Trikots drüber. Sind öfter mal Schulturniere, also die können die schon ganz gut gebrauchen. Die Schüler verstehen zwar immer noch nichts, passen nicht auf und streiten sich (wenn auch deutlich weniger als am Anfang), aber ich hab mir letztens mal Bilder durchgeschaut und mir gedacht, den Haufen werd ich schon vermissen, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, so sehr sie mich hier auch nerven 😉

Jetzt bin ich doch irgendwie froh, dass die EM heute rum ist, hab bis auf Spanien gegen Kroatien und ein paar Stromausfälle alles gesehen, was es zu sehen gab. Waren natürlich super Erlebnisse dabei, mit am besten das erste Spiel gegen Portugal mit richtig viel Stimmung in der Unihalle sowie das Viertelfinale gegen Griechenland im Fernsehzimmer eines Studentenwohnheims, in dem sich die Leute sogar mitunter recht niveauvoll humorvoll auf Englisch unterhalten haben. Den griechischen Trainer fand ich eh jedes Mal super, die ganze Krise Griechenlands versinnbildlicht in einer Person, die fleischgewordene Verzweiflung (Auch wenns ja ein Portugiese war, die sind vom selben Schlag 😉 ). Ein Spiel hab ich in Denkyemuoso angeschaut, in einem kleinen Innenhof, überdacht von einer Zeltplane, die Männer alle mit Feuereifer dabei, die Frauen nebendran beim Fufustampfen, auch nicht schlecht. Aber wenn jetzt dann die Bewerbungen auch noch fertig sind, kann ich mich hoffentlich wieder voll auf Ghana konzentrieren und das tun, was ich bisher am meisten genossen habe, Ausflüge machen, im Kindergarten malen und den Alltag hier erleben.

Schöner Artikel, Nela! Hat mir gut gefallen, mit viel Fußball, passend zur EM 😉 Ich hoffe, meine Äußerungen über das Schulsystem kamen nicht zu negativ und überzogen rüber, ich hab den Fragebogen glaub ich in einer Zeit ausgefüllt, in der ich grade bisschen genervt von allem war ;D Ist inzwischen viel besser. Jetzt war ich in der Zeitung, im Harthauser Pfarrbrief, im Jahresbericht komm ich auch noch, ich geh den Leuten wahrscheinlich langsam ziemlich auf den Sack 😀 Hier in Ghana gäbs nur eins, was man über einen derart verhaltensauffälligen Störenfried sagen würde: „Foolish boy, don’t mind him!“

Liebe Grüße, und wers schon gar nicht mehr erwarten kann, auch wieder live und hautnah von mir penetriert zu werden: Neun Wochen sinds noch, dann ist die Schonzeit vorbei!

Viel Spaß im Juli an der Uni, in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Schule, auf Reisen, beim Lernen, in der Ausbildung, aufm Klo, unter der Brücke, über den Wolken, unter aller Sau, im siebten Himmel oder wo auch immer!

Matze