Halbzeitanalyse

Standard

GHANAIAN GERMAN SCHOOL

Denkyemuoso – Kumasi

MID-TERM EXAMINATION

Subject: German language

Date: 10th June 2012

 

Themenstellung:

Verfasse eine Reizwortgeschichte, in der die Begriffe Tröten, Kröten, Röten, Töten und Löten einen zentralen Stellenwert haben. Die Geschichte kann sich in einem alltäglichen oder abenteuerlichen Handlungsumfeld abspielen. Achte auf korrekte Rechtschreibung, Grammatik und eine saubere äußere Form.

Bearbeitungszeit: Bis(s) zum nächsten Stromausfall

Viel Glück!

 

Nichts leichter als das! Und keine Angst, es geht weder um satanistische Opferrituale noch um eine feingeistig-abstrakte Neuinterpretation des Walpurgisnachttraums aus Goethes Faust. Stattdessen hier die Gliederung:

 

A Kurze Begrüßung im Zeichen jüngster Ereignisse

B Zusammenschau der seit dem letzten Bericht vergangenen Wochen

B.1 Besondere Erlebnisse

B.2 Aktuelles Alltagsgeschehen

B.3 Zwischenfazit

C Verabschiedung und Ausblick in die Zukunft (klingt immer gut)

 

Yippie Yippie Yeah! Meda’ase paa Manual Newer, Thomas Muller, Tony Cruise & Co.! Schade, dass ich die Stimmung in Deutschland nicht erleben kann, aber Public Viewing hier ist auch nicht schlecht 🙂

Und damit rein in die vergangenen Tage: Am Donnerstag vor zwei Wochen (kommt mir vor wie zwei Monate) bin ich ja wie schon angekündigt mit der Schule nach Accra gefahren. Schön ordentlich mit Kente-Krawatte gings rein in das Regierungsgebäude, wo wir eine Zeit lang eine Parlamentsversammlung angeschaut haben. Hauptsächlich ging es dabei um den Neubau einer Kultur- und Versammlungshalle in Sunyani, mit welchem 1963 begonnen wurde, dessen aktueller Stand aber niemandem so ganz klar war. Bei der vorliegenden Finanzierungstabelle war nämlich blöderweise nicht ganz herauszulesen, ob die Beträge in der alten 2007 abgeschafften Währung oder im neuen Ghana Cedi angegeben waren. Hat für einige Kontroversen gesorgt, letztendlich waren aber alle optimistisch, dass die Halle für eine große bevorstehende Kulturveranstaltung im August 2012 fertig sein würde 🙂 Kurz waren wir dann auch noch am Labadi Beach und in der Accra Mall, soweit ich weiß die einzige City Galerie Ghanas mit dem vermutlich einzigen Laden, in dem es originale Fußballtrikots zu kaufen gab. Die Schüler liefen alle mit großen Augen durch die ungewohnte Glanz- und Glamourwelt, aber letztendlich war es wahrscheinlich für mich selbst noch ungewohnter, das von Zuhause bekannte plötzlich in Ghana zu sehen. Aufgrund einer sehr intensiven Obruni-Konzentration, die sich in Form eines milchig-trüben bis rötlichen Farbausschlags beobachten ließ, sowie der Zugabe einer ätzenden, silbrigen Lösung, genannt Apple-Store, hakte ich das Ganze jedoch als einmaliges Experiment ab und beende den komisch-chemischen Schreibstil hiermit auch wieder.

Statt alleine im Moloch Accra zu bleiben, wie ich eigentlich vorhatte, bin ich dann doch lieber am Abend wieder mit dem Partybus unserer Schule zurück nach Kumasi getuckert. Die richtige Entscheidung. Am Freitag habe ich erstmal das wohlklingende Bobiri Forest Butterfly Sanctuary in der Nähe von Kumasi besucht, in dem es wieder einmal wunderbare Regenwaldnatur und eine wirklich unglaubliche Schmetterlingsvielfalt zu genießen gab. Und ich konnte sogar zusammen mit einer englisch-indischen Forscherfamilie Spaghetti essen. Von dort aus fuhr ich direkt weiter an den vielgerühmten Lake Bosumtwi, der, wie sich herausstellen sollte, zu Recht gerühmt wird. Wir waren insgesamt neun Volunteers aus vier Nationen und haben einfach einen der Fischer gefragt, ob wir gegen etwas Bezahlung an seinem Strand zelten dürfen. Durften wir, genauso wie ein gemütliches Lagerfeuer machen und mit einem der traditionellen Einbäume auf den See hinauspaddeln. Nach der Ashanti-Kultur ist es nämlich nicht erlaubt, normale Fischerboote zu benutzen. Ein rundum gelungenes Wochenende, an dem auch die nach Baden und Wandern recht gerötete Haut nichts änderte!

Mit in etwa der gleichen Gruppe, zahlenmäßig nun sogar unter dem Motto „Zehn Freunde sollt ihr sein“, hieß es am 1. Juni ab ins Stadion! WM-Qualifikation Ghana – Lesotho. Für alle, die sich in der Materie des runden Leders nicht sonderlich passsicher fühlen, sei erwähnt: Ghana gilt auf dem afrikanischen Kontinent fußballerisch als absolutes Schwergewicht, während Lesotho ebenbürtige Gegner wohl eher in San Marino oder den Färöer Inseln finden würde. So muss man letztendlich sagen, wer weiß, was passiert wäre, wenn sich die Spieler von Lesotho nicht innerhalb eines etwa einstündigen Flutlichtausfalls in den Kabinen hätten erholen können – das Endergebnis von 7:0 wäre wohl erst der Anfang gewesen. Wir haben es ihnen jedoch gleichgetan und uns in der nächstbesten Bar erholt, unwissentlich, wie es weitergehen würde, bis dann plötzlich der Mob wieder ins Stadion gerannt ist. Stimmungstechnisch war das Ganze natürlich erwartungsgemäß ein Highlight, zumal wir uns vorbildlich mit allen möglichen Fahnen, Trikots und sanft-melodischen Tröten eingedeckt hatten. Für alle, die immer noch über die Namensgebung meiner Blogadresse rätseln, sei an dieser Stelle des Pudels Kern offenbart – halt, wir wollten ja von Goethes Faust die Finger lassen: „Black Stars“ lautet der Spitzname für die ghanaische Nationalmannschaft, den auch jeder Fan verwendet, wenn über das Team gesprochen wird. Ganz unspektakulär.

Am nächsten Tag ging es mal wieder auf den Markt nach Kumasi, diesmal zum Lederkaufen. Stichwort Leder, die Handwerkerabteilung hat schon ihren ganz eigenen Charme: Da wird gelötet und geschweißt, gehämmert und geschraubt, gesägt und gebohrt, und das meiste mit recht wenigen technischen Hilfsmitteln. Rastabruni Max, einer aus der Gruppe, hatte in seinem Projekt gelernt, wie man selber Schuhe macht, und wollte uns nun auch in jene feinen Künste einweihen. Dank ghanaisch gelassener Herangehensweise unsererseits, kombiniert mit Stromausfall, begann das Schnibbeln und Schablonieren erst abends im Kerzenlicht. Romantisch, hatte bisschen was von Weihnachtsbastelei. Für meine Plattfüße gabs allerdings noch keine passenden Muster, sodass ich erstmal mit Lederarmbändern angefangen habe.

Der Alltag in Denkyemuoso ist zurzeit gerade geprägt von allem möglichen zu tun. Da ist erstmal der Unterricht in der Grundschule, der sich mühsam wie eh und je gestaltet. Man muss es leider so traurig sagen, aber selbst mit den letzten zwei Themen, für die mich Grundschüler in Deutschland auslachen würden, konnte ich die mathematischen Blockaden der Schüler hier nicht abbauen. Ich zeichne Zahlenpyramiden nach dem Schema 1, 1+2, 1+2+3 und 1+2+3+4 hin, die Schüler wissen nicht, wie sie dasselbe für 5 und 6 machen sollen. Dafür habe ich am Freitag ganz schön mit der Klasse gemalt und es war auch ohne die Klassenlehrerin erträglich diszipliniert. Wenn ich die Schüler im Dorf oder so sehe, grüßen alle immer super süß und freuen sich, und im Unterrichten ist dann vieles so unglaublich schwierig, einfach schade.

Die eine Deutschklasse will ständig Neues lernen und Überstunden machen, aber wenn ich alten Stoff abfrage, kann sich kaum einer noch erinnern, auch nicht so optimal. 🙂 Oft kommen irgendwelche Schüler vorbei, der eine will, dass ich ihm einen Facebookaccount einrichte, der nächste ein bisschen Mathenachhilfe, der dritte braucht nur ein Pflaster. Manches mache ich gerne, keine Frage, aber manches nervt auch, wenn zum Beispiel Schüler, die nie zum Unterricht kommen, plötzlich um ein Handout mit sämtlichem Stoff betteln. Viele Lehrer hier haben grade so eine Art Referendariatszeit, die bald zu Ende ist, und brauchen für ihre Beurteilung ein Video über eine Unterrichtsstunde. Ein Lehrer, mit dem ich mich gut verstehe, hat mich da gefragt, ob ich ihn filmen könnte und war auch sehr interessant und nett, aber dann sind halt nach und nach noch fünf andere gekommen, die mich zum Teil bisher nie besonders beachtet haben, da kommt man sich dann auch mal ein bisschen blöd vor. Mit dem Alphabet im Kindergarten bin ich jedenfalls nicht besonders weitergekommen die letzte Woche und das muss ja auf alle Fälle fertig sein, wenn Ende Juli das Reisen losgeht. Übrigens wird mich da dann die letzten drei Wochen mein Papa besuchen, freu mich schon wie ein ghanaischer Schneekönig.

Apropos Wetter: Mittlerweile stecken wir hier mittendrin im Schlamm-Assel, also in der Regenzeit. Das heißt, es schüttet und gewittert regelmäßig richtig rasant runter, vor allem abends, und kühlt auch mal für ein, zwei Tage angenehm ab. Aber ansonsten ists tagsüber auch wieder gewohnt heiß, dass einem die Suppe nur so über den Kühler rinnt. Kennzeichnend für einen Spaziergang nach Tanoso im feucht-fröhlichen Milieu sind vor allem zahlreiche Kröten, die einem von links und rechts über den Weg hüpfen. Hätten wir das auch abgehakt.

Ich fühle mich grade ein bisschen so, als würde sich die Zeit hier schon dem Ende zuneigen, derweil ist ja erst etwas mehr als die Hälfte vorbei. Alles vergeht einfach so schnell, ich hab noch so viel zu tun und richtig an der Schule bin ich ja nicht mal mehr für zwei Monate, von denen sich die nächsten drei Wochen nachmittags vor allem um Erdnussknabbern und Arschwundsitzen in Tanoso drehen werden.

Was bleibt als Fazit nach über drei Monaten Ghana? Am Anfang natürlich erstmal ein Schwall an neuen Eindrücken, der die ersten Wochen zu einem überwältigenden Abenteuertrip gemacht hat. Faszination und purer Genuss am afrikanischen Alltag. Der Gedanke, endlich in Ghana angekommen zu sein, hat mich stets aufs Neue mit wohligen Glücksgefühlen einschlafen lassen. Danach kam die Reisezeit, zum ersten Mal alleine durch ein fremdes Land zu kreuzen, Norden, Süden und Westen abzugrasen, interessanteste Begegnungen und Entdeckungen zu machen – unglaublich tolle Wochen, an die ich mich immer noch gerne zurückerinnere.

Mittlerweile der Schulalltag, wozu ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich nicht jeden Tag voller Elan morgens aus dem Bett hüpfe. Das Unterrichten an der Grundschule ist einfach in vielen Dingen so ernüchternd, wenn ich es zum Beispiel damit vergleiche, wie viele schöne Momente mir die Praktika im Kindergarten in Deutschland gebracht haben. Da bin ich eben hier nach drei Monaten immer noch mehr ein Fremdkörper als nach zwei Wochen dort. Ich meine gar nicht so sehr, dass die Schüler den Stoff nicht verstehen, sondern eher, dass sie sich zum Beispiel immer noch ständig streiten und nicht aufpassen und mir damit quasi klarmachen (bzw. auch direkt sagen), dass sie mich erst dann voll respektieren, wenn ich zu schlagen anfange. Aber man darf es auch nicht ständig vergleichen, das hier ist eine einzigartige Erfahrung, etwas ganz anderes, man muss eine angemessene Sichtweise behalten und sich an den vielen kleinen Dingen erfreuen, die einem vielleicht erst bei einem genaueren Hinblick bewusst werden. Die knuddeligen Hosenscheißer hier im Kindergarten machen natürlich auch einiges wett. Ich habe meinen Platz gefunden, schwierige und schöne Aufgaben an der Schule und im Kindergarten, Freunde unter Lehrern und Schülern und nette Volunteers, mit denen man auch mal kurz aus dem Alltag hier abtauchen kann. Ganz unabhängig von Ghana genieße ich es auch, meine eigene kleine Wohnung zu haben und mal ganz für mich selbst zu sorgen, den „Haushalt“ zu schmeißen und nicht in die Verwahrlosung abzurutschen 😉 Eine Erfahrung, die fürs Studium sicher nicht schlecht ist. Dazu gibt es übrigens nur zu sagen, dass ich mich bei der Fachsuche die letzten Tage ziemlich im Kreis gedreht habe und weiterhin vieles interessant finde, aber auch überall kleinere oder größere Unstimmigkeiten sehe.

Das solls erstmal gewesen sein. Ich hoffe, am Mittwoch ein packendes Spiel ohne Strom- oder Bildausfall zu sehen, denn dank Franz Beckenbauer wissen wir ja schließlich: Die Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt! Ich hab mal kurz überlegt, ob ich hier wirklich ständig EM schauen will oder nicht besser was mache, was ich in Deutschland nicht machen kann – aber wenn schon die Ghanaer nur noch Fußball im Kopf haben, wieso dann nicht auch ich.

Gäbe noch drei Themen, die ich gerne mal hier im Blog ausführen würde, aber ich will auch nicht die ganze Zeit nur vorm Laptop hocken: Erstens eine Sammlung von allen möglichen Beobachtungen, die ich hier so seit meiner Ankunft gemacht habe, zweitens ein kurzer Blick in die ghanaische Küche und drittens ein kleiner Sprachkurs Ghanaian English, was angeblich sogar als eigene Sprache anerkannt ist.

Also machts gut, für blöde Sprüche sind mir die Holländer zu sympathisch und hier in Ghana gibts eh keine Müllabfuhr!

Ach ja, das letzte Reizwort fehlt noch: Gesundheitlich gehts mir erstaunlich gut – Chilli und Pepper töten eben alle Keime 🙂 Auch wenn nach 285 Minuten Fußball wie am Samstag schon mal der Schädel brummt: Ghana – Sambia, Holland – Dänemark, Deutschland – Portugal und noch ne Viertelstunde Brasilien –Argentinien.

Wünsch euch allen nen schönen und erholsamen Fußballsommer!

Mit freundlichen Grüßen

Matze

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  1. … und wie funktioniert jetzt das mit den Zahlenpyramiden? 😉
    Sehr schöner Bericht, Grüße aus dem verregneten Friedberg.

    🙂 Ralf

  2. Ein sehr komplexes Thema Ralf …

    Das Zitat stammt natürlich von Oliver Kahn und nicht Franz Beckenbauer (danke Vale!), ich bitte, diesen groben Lapsus meinerseits zu entschuldigen. Ist ja auch logisch, der Spruch hat sich gestern als falsch herausgestellt, während sich eine Aussage des Kaisers niemals als falsch herausstellen würde.

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