Alles neu macht der Mai?

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„… das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.“ Hab ich am Ende des letzten Reiseberichts geschrieben. Das „ruhig“ möchte ich im Folgenden nun gerne ein wenig relativieren.

Vorab allerdings eine kurze Frage: Ist es seit Samstag moralisch verwerflich, zum Wäschewaschen Blues Brothers zu hören?

Womit schon einmal die beiden männlichsten Dinge genannt wären, mit denen ich mir hier so die Zeit vertreib: Fußballschauen und Wäschewaschen. Während ich zu ersterem im Moment besser Stillschweigen bewahre, muss ich zum Waschen sagen, das ist ab und zu echt richtig angenehm, sich einfach mal hinzusetzen, bissl Musik zu hören und Kleidung und Gedanken in Ordnung zu bringen.

Die Vormittage verbringe ich seit einiger Zeit vor allem damit, im Kindergarteninnenhof das Alphabet mit passenden Symbolen an die Wand zu malen (von A wie „antelope“ bis Z wie „zebra“). Lisa hat schon einen Gruppenraum gestaltet und sieht richtig super aus, also ich schau, dass ich mich da ranhalten kann. Aber macht echt Spaß, sich so in seine eigene Welt zu malen, während ein Haufen kleiner Kinder fröhlich um einen herumhüpft. Und je mehr die Sache Form annimmt, desto einfacher gehts dann auch ans Werk.

Zum Unterricht in der Grundschule kann ich immer noch nicht so wirklich ein Zwischenfazit bilden. Mal klappts echt gut, die Kinder passen auf und die Übungsaufgaben werden recht ordentlich bearbeitet, aber am nächsten Tag kommt dann wieder kaum einer bei einfachsten Sachen mit und auch nach zehn Beispielaufgaben kann keiner fehlerfrei drei Übungen abliefern (sechste Klasse, müsste man doch 140 durch 7 im Kopf rechnen können oder nicht?). Zwei, drei Schüler, der Größe nach schon zweimal durchgefallen, bleiben in der Regel an vier von fünf Tagen lieber zuhause und die Lehrerin weiß auch kein anderes Mittel, als bei den Kandidaten dann für ein falsch buchstabiertes Wort den Stock besonders motiviert sausen zu lassen. Ich selber hab bis jetzt leider auch keine Idee, was man bei solchen Problemfällen machen könnte, die kaum ein Wort Englisch von mir verstehen.

Der Deutschunterricht gestaltet sich munter, die eine Klasse wollte gestern unbedingt die deutsche Nationalhymne lernen (kann ja nicht schaden für die EM) und in der anderen Klasse durfte ich vor kurzem einen neuen Positivrekord von sieben anwesenden Schüler feiern.

Auf der Suche nach passenden Studiengängen hab ich die letzten Wochen so viel Zeit im Internetcafé verbracht, dass die zwei sehr netten Betreiber mir gleich ein Jobangebot gemacht haben. Sie wüssten zwar selbst nicht genau, wie ich ihnen helfen könnte, aber sie würden sich auf jeden Fall freuen 🙂 Klingt ganz interessant …

Was gibts sonst noch zu erwähnen: Ich war in Bonwire, einem kleinen Dorf, das für die Herstellung von traditionellen Kente-Stoffen bekannt ist, und hab mich am Muttertag mal ganz intensiv Kumasi gewidmet. Okomfo-Anokye-Schwert, National Cultural Centre mit sehr interessantem Museum, Stadtzentrum Adum und sämtliche Denkmäler und Statuen. Skurrile Geschichten, die die Ashanti-Kultur zum Teil so liefert – genannt sei ein so langsam verrottendes Bündel aus Elefantenleder, von dem keiner weiß, was drin ist, weil es der Sage nach nicht geöffnet werden darf. Fand ich echt spannend, so über die Traditionen, Erzählungen und Bräuche zu lernen, und ich bekomm mittlerweile auch richtig Lust, was schönes Kulturwissenschaftlich-Gestalterisches zu studieren, wenn ich nur wüsste, was genau. Vermutlich aber eher nichts mit Musik und Film: Hab letztens mit den Schülern hier ein kleines Tanz- und Musikvideo gedreht, und auch wenn ich nur hinter der Kamera stand, bezweifle ich doch sehr, dass sie damit wie erhofft in Europa den großen Durchbruch schaffen …

Zwei Tage innerhalb der letzten Wochen möchte ich noch besonders herausheben, was sich jetzt wohl ein wenig hinziehen wird.

Der erste sah so aus, dass ich erstmal mein Zimmer aufgeräumt hab und dabei schon ständig in irgendwelchen Mitbringseln, Karten und sonst was aus Friedberg und der Heimat hängen geblieben bin. Ich fand solche Tage in Deutschland schon immer seltsam irgendwie, stundenlang in alten und neueren Erinnerungen zu schwelgen und dann plötzlich wieder zurück ins Leben aufzuwachen – aber das Ganze dann noch hier in Ghana. Dann hab ich zu allem Überfluss auch noch in der Schulbücherei rumgestöbert und dort unser altes ‚Green Line New‘-Englischbuch aus der sechsten Klasse gefunden. Passiert mir sonst ja nie, aber dazu muss ich jetzt doch eher Sentimentalitäten als den großen Matze raushängen lassen. Nochmal „Robin Hood and the silver arrow“ durchzulesen, mehr als sieben Jahre später und nun nicht mehr als kleiner (süßer?) Schüler, sondern als Lehrer einer sechsten Klasse weit weg in einem Land, das damals für mich wohl nur ein kleiner, unscheinbarer Ort im Atlas war. An alte Zeiten und Geschichten von und mit Mark Penrose, Becky Burton und Nottingham Kaschtl zurückzudenken, an Nachmittage, die man brav mit Vokabelschreiben und glücklich mit Räuber-und-Gendarm-Spielen verbracht hat, und sich bewusst zu machen, was für eine schöne Schulzeit und Kindheit man doch hatte. Sich gleichzeitig die Gegenwart und Zukunft vor Augen zu halten, ein einziges riesiges Erlebnis und Abenteuer mitten in Afrika. Eine Mischung aus Dankbarkeit, Zufriedenheit, ein bisschen Heimweh und einer Prise Stolz.

Der zweite der erwähnten Tage war der letzte Sonntag. Schon der Abend zuvor hatte ja wenig Anlass zu Freudentänzen geboten (auch wenn die meisten Ghanaer in dieser Hinsicht anderer Meinung waren), aber – Stichwort: „Lebbe geht weider“ – alles halb so wild. Bewegender war dagegen, in einem sehr ergreifenden Buch zu lesen, das ich beim Aufräumen in meinem Zimmer entdeckt hatte. Arundhati Roy, Die Politik der Macht. Die indische Autorin beschreibt darin unter anderem, wie in ihrer Heimat durch riesige Dämme Natur und Ökosysteme unwiederbringlich zerstört und Millionen Menschen vertrieben und heimatlos gemacht wurden. Auch die wenig glanzvolle Rolle von Weltbank, indischem Staat und internationalen Entwicklungsorganisationen wird dabei nicht ausgespart:

„Ich stand auf einem Hügel und lachte laut. Ich hatte mit dem Schiff von Jalsindhi über die Narmada gesetzt und war die Anhöhe am anderen Ufer hinaufgestiegen. Von dort sah ich, verteilt über die Kuppen niedriger, kahler Hügel, die Adivasi-Stammesdörfer Sikka, Surung, Neemgavan und Domkhedi. Ich sah die luftigen, zerbrechlichen Häuser, die Äcker und Wälder dahinter, die kleinen Kinder, die mit noch kleineren Ziegen durch die Landschaft sausten wie motorisierte Erdnüsse. Ich wusste, die Kultur, die ich vor mir sah, war älter als der Hinduismus – und dazu verurteilt (mit dem Segen des Obersten Gerichts im Lande), während des nächsten Monsuns im steigenden Wasser des Sardar-Sarovar-Stausees unterzugehen.

Warum lachte ich? Weil mir plötzlich einfiel, wie väterlich besorgt die Richter des Obersten Gerichtshofes in Delhi sich (bevor sie den gerichtlich verfügten Baustopp am Sardar-Sarovar Staudamm aufhoben) danach erkundigt hatten, ob für die Kinder der Adivasi, der indischen Ureinwohner, in den Umsiedlungsdörfern auch Spielplätze vorgesehen seien. Die Anwälte der Regierung hatten sich beeilt zu versichern, dass dem so sei und dass es auf allen Spielplätzen Wippen, Rutschen und Schaukeln gebe. Ich sah zum endlosen Himmel auf und hinunter zum dahinströmenden Fluss, und einen kurzen, ganz kurzen Augenblick lang verkehrte die Absurdität des Ganzen meine Wut ins Gegenteil, und ich lachte. Ich wollte niemandes Gefühle verletzen.“

Warum ich das alles so ausführlich in meinen Blog schreibe? Weil ich mich in dem Moment daran erinnert habe, wie ich in Bui während des Sonnenuntergangs auf dem Hügel stand und über den Park blickte. Ich hatte damals kaum an den Damm gedacht, der dort gerade gebaut wird und nach seiner Fertigstellung zwar keine Menschen, aber die dort lebenden Nilpferde und anderen Tiere vertreiben wird. Der Damm hilft ganz Ghana, hatte es geheißen. Was wird er wirklich bringen, wem bringt er was? Sicher dem chinesischen Unternehmen, das für den Bau zuständig ist. Was zerstört er, wem schadet er? Wie sieht es tatsächlich aus mit der Entwicklung in Ghana, in Afrika, in der Welt? „Die Entwicklungshilfe ist ein paternalistisches Unternehmen. Wie seinerzeit der Kolonialismus. Sie hat den größten Teil Afrikas zerstört. Bangladesch ächzt unter der Last ihrer Gaben.“, schreibt Arundhati Roy. Der Leser bewegt sich auf elementare Fragestellungen zu: Was geht eigentlich vor in unserer Welt? Was ist gut, was ist schlecht? In Indien zwingen Globalisierung und Fortschritt Menschen dazu, ihre Heimat, Kultur und Identität aufzugeben. In Ghana machen es manche freiwillig, weil ihnen von Anfang an beigebracht wird, dass alles andere besser ist als das eigene. Auf einem Flachbildfernseher englische Premier League anzuschauen, das höchste der Gefühle. Auch wenn man selbst nur davon träumen kann, das Land tatsächlich einmal zu besuchen. Ist das der neue Wohlstand, den die Globalisierung überall auf der Welt verbreitet hat? Der selbsternannte Touristenführer schraubt schon mal die Eintrittspreise nach oben, damit er sich zum Frühstück in Zukunft auch importierte Marmelade leisten kann. Selbst tief in der Savanne heißt der Traumberuf auf einmal ‚Businessman‘ – mit Altkleiderspenden aus Europa lässt sich schließlich gutes Geld verdienen.

Müssen alle Bewohner unserer Erde Englisch sprechen und einen Computer bedienen können? Was ist es wirklich, was ich hier in Ghana in meinem Umfeld bewirke und verändere? Ghana ist nicht Indien, ich weiß. Hier würde kaum jemand behaupten, dass sich das Land gerade in einer negativen Entwicklung befindet – im Gegenteil. Dürfen wir also hoffen, dass zumindest dieses Fleckchen Afrikas einmal an „unsere“ Standards heranreicht und die Menschen glücklich damit sind? Ein modernes, gebildetes Volk, das zu seiner Heimat und Kultur steht?

Mit diesem Gedanken habe ich das Buch wie ein Denkarium zur Seite geschoben und war froh, dass der ghanaische Alltag mich gut gelaunt zurück empfangen hat. Was bleibt als Erkenntnis? Nicht alles, was rund ist, sich dreht und unser Leben bestimmt, ist ein Fußball. So verrückt es auch klingen mag 😉

Morgen macht die GGS einen Ausflug nach Accra, unter anderem soll das Regierungsviertel, die Börse und die Shopping Mall besichtigt werden, und da Freitag Africa-Unity-Feiertag ist, werde ich das Wochenende wohl in der Hauptstadt verbringen. Also purer Genuss mal wieder 🙂

Liebe Grüße ins wärmer werdende Deutschland, bei uns hat mittlerweile die Regenzeit begonnen …

Matze

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