Archiv für den Monat April 2012

Im Westen viel Neues

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Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Unter diesem Motto ging es für mich über Ostern in den Westen – fünf Tage geprägt von richtig guten Erlebnissen.
Es ging munter los am Karfreitag – der Herr möge es mir verzeihen – wo ich im Städtchen Wenchi Quartier schlug. Die meiste Zeit dort verbrachte ich allerdings auf der Suche nach selbigem, da die zwei billigeren Hotels aus meinem Reisehandbuch beide ausgebucht waren. So stand ich am Ende vor einer recht teuren Lodge (das heißt 45 Cedi (22€) für ein Zimmer, aber das sind hier halt dreißig Abendessen oder eine Trotrofahrt durch ganz Ghana und zurück) und hab schon mal die dümmsten Alternativen durchgedacht. Die Leute in der Lodge waren dann aber supernett, haben mir erstmal frische Mangos serviert und dann zu einem vierten Hotel gebracht und dort den Preis für mich auf 30C runtergehandelt. So viel Hilfsbereitschaft, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, ist zwar auch hier in Ghana eher selten, aber doch häufiger als bei uns, denke ich. Glück im Unglück, Fazit: Vorher buchen oder Zelt kaufen.
Von der übrigen Zeit ging dann nochmal einiges beim verzweifelten und letztendlich erfolglosen Versuch drauf, im Internetcafé ein sechzehnsekündiges Video hochzuladen. Ansonsten hatte Wenchi schon mal viel davon zu bieten, was den Norden Ghanas vom Süden unterscheidet: Mehr Moscheen, mehr Fahrräder, mehr Kühe, und ich denke eine andere Lebensweise; einfacher, traditioneller und bescheidener. In Erinnerung bleibt mir ein Moment abends auf einem kleinen Platz – in der Mitte fußballspielende Kinder, drumherum eine Moschee, ein Ziegenstall, Palmen, darunter Großmütter mit Enkeln beim Kochen und Frauen mit Babys in traditionellen Gewändern beim Wasserholen, dazu der Gesang des Muhidzins – und ich konnte einfach nur ungestört dastehen und genießen und mich am Ende kurz und schmerzlos mit den Leuten unterhalten. Um neun im Hotelzimmer klopfts plötzlich an der Tür, ich mach vorsichtig auf und es kommt ein Typ rein, der mir nur seine Visitenkarte gegeben hat und gemeint hat, sie kümmern sich darum, dass es Fremden in Wenchi gut geht, bei Problemen soll ich ihn einfach anrufen, und ist wieder gegangen. Dubios, aber dabei ist es dann auch geblieben.
Samstagmorgen gings weiter in den Bui-Nationalpark, das ursprüngliche Hauptziel meiner Reise. Dort haben mich zwei Geschäftsleute aus den USA bzw. Indien auf ihrem Pickup mit durch den Park genommen, ein ziemlicher Glücksfall. Die angepriesenen Nilpferde im Volta haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber eine artenreiche Savannenlandschaft, traditionelle Fischer und den Staudamm, der dort gerade von einer chinesischen Firma gebaut wird und ab nächstem Jahr zwanzig Prozent des Energieverbrauchs Ghanas liefern wird, sehr beeindruckend. Leider wird der Stausee große Teile des Parks fluten und wohl die Nilpferde vertreiben. So hat auch diese Seite zwei Medaillen (Rudi Völler, glaub ich). Auf einem nahegelegenen Hügel, von dem aus man in schier endlose Weiten blicken konnte, hab ich mir den Sonnenuntergang angeschaut und gedacht, besser gehts eigentlich nicht – doch zu früh gefreut, am Montag kams noch doller.
Zunächst bin ich jedoch am nächsten Morgen mit dem Parkguide hinten aufm Moped ins nächste Dorf gefahren, Banda Nkwanta, wo ich aufs Dach einer sehr bekannten alten Moschee in Lehmbauweise steigen durfte. Unterwegs wurden wir von einem Polizisten angehalten, der recht humorlos meine Tasche und Kamera durchschaute, wohl bezüglich diskreten Informationen über den Damm, aber bis zu den Fotos ist er zum Glück nicht vorgestoßen. Wir haben zwar alles mit offizieller Führung durch einen der Ingenieure gemacht, aber hätte womöglich trotzdem Probleme gegeben. Man kommt sich schon immer ein bisschen vor wie in einem schlechten Film, weil die Polizisten hier alle mit schweren Geräten auf dem Rücken rumlaufen, aber bis auf den einen waren bis jetzt alle recht freundlich. Die zweite Station des Tages war dann Kintampo, wo es zum einen den offiziellen Mittelpunkt Ghanas (laut dortiger Inschrift zugleich das Zentrum des Universums) und zum anderen sehr berühmte Wasserfälle zu bestaunen gab, unter denen man sich erfrischend abduschen konnte, auch wenn mein halbnackter Obruni-Astralkörper leider eine ziemliche Attraktion darstellte 😉
Das unerwartete Highlight der Reise kam dann wie gesagt am Ostermontag. Nachdem ich zwischenzeitig pleite war und das Geldabheben einige Zeit und Umwege gekostet hatte, wollte ich eigentlich nur noch kurz im als sehr schön beschriebenen Benediktinerkloster Kristo Buase nahe Techiman vorbeischauen. Sehr schön war dann allerdings so dermaßen untertrieben, dass ich spontan noch eine Nacht dort dranhängte. Das Kloster lag, durch schattige Obstwälder und wilde Feuchtsavanne abgeschieden vom Rest der Welt, zwischen canyonartigen Felsen und prächtigen Gärten – ein Paradies auf Erden, eine Oase der Ruhe. Oder, ums etwas zeitgemäßer und dennoch religionsnah auszudrücken: Holy shit, göttliche Scheiße! Die Felsen boten eine noch herrlichere Aussicht als der Hügel in Bui, die Natur war noch vielseitiger und in den Klostergärten konnte man zum Beispiel reife Sternfrucht vom Baum pflücken und essen. Auch als Kurzzeitbesucher wurde ich gleich eingegliedert in das Leben der Mönche, unter denen auch zwei Weiße aus Schottland waren. Das heißt alle paar Stunden gemeinsames Gebet, Andacht oder Gottesdienst, was ich für den einen Tag als wirklich gute und einzigartige Erfahrung aufgenommen habe – hätte ich nicht gedacht, aber nach einem komischen Gefühl am Anfang hab ich das Beten und Singen am Ende eigentlich als relativ angenehm empfunden. Und ich hab fernab der Heimat doch noch auf ganz eigene Weise Ostern gefeiert.
Keine Angst, der eine Tag hat mir schon gereicht; soweit ich jetzt sehen kann, würde ich nie ein Leben lang ins Kloster gehen. Aber ich denke, die Zeit hier in Ghana hat mir die Selbstständigkeit und Offenheit gebracht, neue und ungewöhnliche Dinge einfach mal auszuprobieren – ins Kloster zu gehen, alleine durch ein fremdes Land zu reisen ohne einen festen Plan in der Tasche, jedes noch so seltsame Essen zumindest zu probieren, neue Kulturen kennenzulernen (ghanaisch-amerikanisch-indisch-schottisch-deutsch in fünf Tagen), sich womöglich bald die Haare radikal abschneiden zu lassen und so weiter, und dafür bin ich schon jetzt dankbar. Denn wer kann schon von sich sagen, einen Tag in einem afrikanischen Kloster gelebt zu haben.
Aus Kristo Buase in den örtlichen Trubel zurückzukehren, war dann fast so, wie aus einem Traum aufzuwachen. Plötzlich wieder hupende Autos, laute Musik, aufdringliche Verkäufer, enge, schmutzige Gassen, Obruni-Zurufe von allen Seiten – aber letztendlich eben die Rückkehr in den ghanaischen Alltag, den ich hier zu schätzen und lieben gelernt habe, und der – auch wenn man es sich manchmal erst wieder neu bewusst machen muss – einfach immer noch die größte Faszination von allem ist.
Ein sehr sonderbares Déjà-vu ganz zum Schluss bot die Ankunft in Denkyemuoso: Stromausfall, das ganze Dorf stockdunkel, überall unklare Gestalten, ich selbst verschwitzt, müde, hungrig und erschöpft von einer langen Reise, aber glücklich, angekommen zu sein – genau wie in der allerersten Nacht hier.
Viele von euch werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich hier so viel alleine unternehme. Es wäre sicherlich etwas anderes, zu zweit oder in einer Gruppe zu reisen – vielleicht manchmal angenehmer, einfacher, ausgelassener, und ich glaube, nicht viele würden es so machen wie ich. Aber wenn ich so von den Shopping-, Strand- und Partyurlauben anderer Volunteers höre, denke ich mir, das ist nicht das, wofür ich persönlich nach Ghana gekommen bin. Ich freue mich jetzt schon wieder ein klein wenig auf gemeinsame Abende mit euch zurück in Deutschland und ich werde auch hier sicherlich nicht als Eremit leben, aber ich denke, ab und zu bietet das eigenständige Reisen doch die besten Möglichkeiten, seine Wünsche zu erfüllen. Suum cuique, wie der alte Lateiner zu sagen pflegt. Und so ganz alleine ist man hier eh nie, egal ob man nun ghanaische Touristenhelfer, indische Geschäftsleute oder schottische Mönche um sich hat.
Genug der Worte, liebe Grüße nach Deutschland, viel Spaß, Glück und Erfolg bei was auch immer ihr gerade macht und vorhabt! Ich hoffe, ihr hattet schöne Osterfeiertage, habt alle Eier gefunden und euch gehts genauso gut wie mir! Meine Ferien gehen jetzt eigentlich erst richtig los, mal sehen, wohin mich meine neu gewonnene Abenteuerlust treibt 😉
Machts gut,
Matze

PS: Noch eine Anmerkung zum letzten Bericht: Ich hoffe, es kam nicht so rüber, als wäre ich hier in Denkyemuoso am Verzweifeln und würde am liebsten zurückwollen – im Gegenteil. Natürlich sind manche Sachen anders und schwierig für mich, aber mein Wunsch und Ziel war und ist es immer noch, Afrika so kennenzulernen, wie es wirklich ist, und genau das tue ich gerade. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um das Paradies auf Erden zu finden (auch wenn mir das in Kristo Buase zufällig geglückt ist), sondern um den Alltag zu erleben und mich Problemen zu stellen. Deswegen finde ich es auch weiterhin einfach nur fantastisch, dass ich in dem, was lange Zeit so fern schien, jetzt doch mittendrin bin. Ein Alltag voller Erfahrungen und Reisen voller Erlebnisse, was will man mehr.

So, das war der Bericht, wie ich ihn eigentlich gestern hochladen wollte. Blöderweise kam dann noch ein kurzer Krankenhausbesuch dazwischen (Verdacht auf Malaria und ich nehm jetzt auch die Medikamente, aber so ganz glauben kann ichs eigentlich nicht, dafür fühl ich mich zu gut). Alles halb so wild, muss man auch mal erlebt haben.
Also nochmal schöne Grüße und bis bald 🙂

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