Sweet home à la Ghana

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Ein herzliches Hallo aus Ghana, vermutlich schon zum letzten Mal,

eigentlich wollte ich noch viele, viele Blogeinträge schreiben, genügend Lust und Erzählstoff hätte ich, aber Reisen, Erleben und Entdecken klingt dann doch noch besser als Schreibtisch und Laptop.

Der Abschied an Schule und Kindergarten war eine Mischung aus traurig und wunderschön, hab sogar noch voll liebe Geschenke bekommen; die ersten Ferientage war ich im Norden in Bolgatanga, Paga, Tamale und Mole und jetzt kommen dann schon die letzten drei Wochen mit meinem Papa. Also die Endphase macht grade nochmal richtig viel Spaß, dazu gibts noch dies und jenes, um das man sich kümmern muss, deswegen an dieser Stelle nur ganz kurz:

Bis bald in Deutschland, ich freu mich inzwischen auch wieder riesig auf Zuhause! Bleibt noch zu hoffen, dass ich alle Fotos, Mitbringsel, Erfahrungen und Erlebnisse sicher über Sahara und Bosporus bringe, dann steht einer fetten Fete in vier Wochen nichts mehr im Wege 😉

Bis dahin eine schöne Zeit, alles Gute, oder wie der Ghanaer zu sagen pflegt: God bless you!

Liebe Grüße

Matze

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An der Würze liegen die Pfürze – eine schmackhafte Reise durch ghanaische Gaumenfreuden

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„Sir Matthias, you like eating toooo much!“ Was die Ghanaer als Kompliment meinen, ist tatsächlich nicht ganz an der Realität vorbeigeschossen. Riesige Portionen Reis mit ordentlich Palmöl; Gemüse, Brot und Ei schön frittiert; dazwischen gerne mal ein Eis oder fettiges Gebäck; sportliche Betätigung meist nur in Form von Wäschewaschen und Kinder hochheben, da kann man den Blähbauch nicht mehr nur auf die erhöhte Bohneneinnahme schieben. In diesem Sinne begeben wir uns nun also, wie schon lange versprochen, auf einen kurzen Exkurs in die örtliche Kulinarik:

Vornherein zur Erklärung:

Yam: Dürften einige von meiner Abschlussfeier kennen: Eine Wurzel beträchtlichen Ausmaßes (ungefähr so groß wie eine 1,5l-Flasche) und geschmacklich der Kartoffel sehr ähnlich, von der Konsistenz her etwas mehliger.

Cassava: So ähnlich wie Yamwurzeln, nur etwas kleiner, bei uns soweit ich weiß unter dem Namen Maniok bekannt.

Kochbanane (plantain): Also es gibt hier einerseits Bananen, die so schmecken wie unsere und als Obst verzehrt werden, aber so klein sind, dass sie sich nicht nur Olli Kahn vollständig in den Mund schieben kann, und andererseits Bananen, die so groß sind und so aussehen wie die Bananen bei uns im Supermarkt, aber wie Kartoffeln schmecken und verwendet werden, die Kochbananen.

Nun zu den Gerichten:

Fufu: Gilt als das Nationalgericht Ghanas. Wenn man hier gefragt wird, ob einem Fufu schmeckt, was recht oft vorkommt, und man ehrlich mit ja antworten kann, macht man sich schonmal allseits beliebt. Es handelt sich dabei um einen Kloß aus Plantain-, Cassava- und/oder Yambrei, der von meist sog. „Mothers of Fufu“ mit einem mannshohen Stock in einem Holzbottich (woma und waduro) gestampft wird. Serviert wird das Ganze dann in einer großen Schüssel zum Beispiel mit einer ordentlich scharfen Fleisch-Fischsoße und man zupft mit der rechten Hand kleine Stücke vom gummiartigen Klumpen ab. Also mir schmeckts, solange nicht zu viele Spelter im Fufu und Gräten in der Soße sind, aber mein Lieblingsgericht ist es nicht. Auch habe ich schon mehrere Weiße getroffen, die sich wie ich fragen, warum sich die Ghanaer so wahnsinnig viel Arbeit machen, einen relativ geschmacklosen Breiklumpen zu stampfen, während die einzelnen Zutaten gekocht einen ganz guten Eigengeschmack haben. Gibts aber eh nur in Restaurants, die „canteen woman“ kann ja nicht für zig Leute rummantschen.

Gari and beans: Esse ich hier mit am liebsten und habs auch schon paarmal selber zubereitet – mit annehmbarem Ergebnis. Ist auch ganz einfach, man kocht die Bohnen weich, gibt Palmöl (je nach Wunsch mit angebratenen Zwiebeln) dazu und mixt das Ganze mit Gari, kleingeraspelten Cassavawurzeln, die man rein äußerlich auch mit Parmesan verwechseln könnte.

Daneben gibt’s noch süßes Gari, dazu werden die Raspeln mit einem Schuss Zucker in eine Tasse Wasser gegeben und man bekommt etwas, das so ganz leicht an flüssigen Grießbrei erinnern könnte, auch sehr interessant.

Reis: Gibt’s hier in allen möglichen Varianten und für die Ghanaer ist jede davon ein absolut eigenes Gericht, das man nie einfach nur salopp unter dem Stichwort Reis zusammenfassen würde. Wer damit wenig anfangen kann, sollte besser nicht nach Ghana kommen, in der Regel wird mindestens einmal am Tag Reis gegessen. Ich fühl mich aber recht wohl damit und hab mich auch schon ganz gut an die kleinen Fischköpfe in der Soße gewöhnt.

Waakye: Gibts sehr oft an der Schule, Reis mit viel Bohnen, scharfer Tomatensoße und Fisch, perfekt, wenn man viel Hunger hat. Hab auf dem Weg nach Kumasi aber auch schon eine „Waakye Boutique“ für den stilvollen Genießer gesehen 🙂

Jollof Rice: So bisschen wie der Reis, dens zum Beispiel in Kroatien gibt. An der Schule wird dann noch ein gekochtes Ei dazu gereicht, fertisch.

Rice Balls: Deftige Reisknödel mit meist guter Fleischsoße, manchmal auch schlechter Fischsoße.

Fried Rice: Erinnert stark an den Reis, den man bei uns beim Asiaten bekommt. Bisschen Salat, Karotten, Zwiebeln, Gewürze, ein Hähnchenschenkel und ein Schuss Ketchup und wenn man will, kann man noch Nudeln dazubestellen und bekommt damit eine super afrikanische Nudelbox – erhältlich an jedem gut sortierten Straßenstand.

Plain Rice mit Stew: Erklärt sich von selbst. Kontomire-Stew, eine Variante davon, ist dabei so ähnlich wie Spinat.

Yam (kommt nicht nur ins Fufu):

Boiled Yam: Gekochte kartoffelgroße Yamstücke, meistens mit „bean stew“ oder „garden egg* stew“ (*zu Deutsch: „Äthiopische Eierfrucht“)

Fried Yam: Frittierte Yamschnitze, die ghanaische Form von Pommes, in der Regel erhältlich zusammen mit einem wahrlich atemberaubenden Pepper-Stew

Yam Balls: Sehr lecker, Yambrei mit Karotten und anderem Gemüse in einem leicht angebratenen Knödel. Hab ich leider erst zwei Mal gegessen, im Kloster und in Cape Coast, und sonst noch nirgends gesehen.

Fried Plantain: Sehr fettige, frittierte Kochbananenstücke, ziemlich süß, gibts manchmal zu gari and beans.

Kenkey: Gehört zu den wenigen Dingen, die ich überhaupt nicht mag. Ich hab mich eigentlich ziemlich drauf gefreut, als ich die Beschreibung Maisballen gehört hab, aber hat dann nicht ganz so meinen Geschmack getroffen. Der Maisbrei, den man hier überall als einen in Palm- oder Maisblätter eingewickelten Klumpen am Straßenrand kaufen kann, war recht bitter und säuerlich und in der Schule wurde das Ganze dann noch in einer ziemlich schleimigen Fischsoße serviert, also drei Mal haben mir bis jetzt gereicht. Aber anderen Leuten schmeckts super, also nichts gegen das Gericht.

Banku: Eine Mischung aus Kenkey und Fufu, meiner Meinung nach näher am Kenkey und deswegen weniger betörend.

Bread and Egg: Es wird ja bekanntlich dazu kommen, dass der Döner den Menschen ersetzen wird. Für mich hat hier aber erstmal das Bread and Egg den Döner ersetzt. Fast durchgehend erhältlich, schnell mal im Vorbeigehen zu essen, superlecker und stets mit dem Gedanken verbunden, dass man nicht unbedingt zu viel davon reinhauen sollte (Stichwort Eier aus Freimüllhaltung usw.). Rührei in Toastbrot, soweit der Gaumenschmaus in nüchterne Worte gepackt.

Was gibts sonst noch so zu schnabulieren: Gegrillte Würste, die gar nicht mal schlecht schmecken (für die Zutaten gilt: Was ich nicht weiß, macht nur die Wurst heiß…), Meat Pies, für die dasselbe gilt, Frühlingsrollen oder anders Gebäck mit Bohnen oder Kraut, gekochte oder gegrillte Maiskolben und vieles mehr.

An süßen Sachen wären zu nennen: Bofrot und Sweet Balls, süßes dampfnudel- bzw. kuchenähnliches Gebäck, handgemachte Kekse, Fan-Ice, also so ne Vanilleeiscreme in der Tüte, göttlich, oder unglaublich exquisite Karamell-Nuss-Klötze. Desweiteren taugen verschiedenste Nüsse, salziges Gebäck oder Bananenchips perfekt als Knabberzeugs.

Dazu gibts natürlich noch jede Menge Obst, frische Ananas, Orangen, Bananen, Mangos (is leider grad nicht mehr Hochsaison), Papaya, Avocados (die allerdings meistens zu Reis oder Yam gegessen werden), Kokosnüsse, Zuckerrohr zum Kauen und Ausspucken, Kakaobohnen zum Schluzen und Ausspucken, Wassermelonen usw.

Also alles in allem muss ich sagen, ich bin hier essenstechnisch wirklich sehr zufrieden. Ich hab ja auch zuhause schon ne gute Portion Spätzle der Lachsschaummousse an Trüffel-Weißwein-Creme vorgezogen, insofern fühl ich mich super wohl damit, dass ich hier mittlerweile ganz gut weiß, was aufn Tisch kommt, und mittags nach der Schule hab ich eh meistens so Hunger, dass mir vieles egal ist.

Mit kulinarischen Kuriositäten wie frittierten Fledermäusen, gedünsteten Gelbbauchunken oder halbgaren Heuschrecken, was manche vielleicht denken, hat die ghanaische Küche von heute wenig zu tun. Ab und zu sieht man mal Leute, die Schnecken, Krebse, Tintenfisch oder Buschratten verkaufen, aber dazu würden unsere Nachbarn im Westen ja auch „Buon appétit“ sagen.

So lass ichs mir also mit Leib und Seele gutgehen – das Bäuchlein wächst und gedeiht. Das praktische hier in Ghana ist, dass einem zumindest in der Stadt das Essen meist noch in Form von großen Kisten auf den Köpfen von Verkäufern aller Altersstufen entgegenläuft, was schon ein bisschen was von Schlaraffenland hat, auch wenn man den meisten Verkäufern natürlich einen anderen Job wünschen würde.

In diesem Sinne wenden wir uns dem Verdauungsschläfchen zu, mehr Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke gibts dann wieder im nächsten Blog.

Bis dann, liebe Grüße, und bei wems bald Essen gibt: An guaden!

Le Chefkoch himself, Matze

Ghana, ein Sommermärchen?

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Good afternoon, buona sera!

Eigentlich hab ich nicht viel Zeit, weil ich grade sehr mit Studienbewerbungen beschäftigt bin, aber der Juni ist vorbei, die EM hat ein jähes Ende für Deutschland gefunden und so sehe ich mich in der Pflicht, euch wieder mal auf den neuesten Stand zu bringen. Er hatte so gut angefangen, der Ayewohomommo, wie der Juni hier heißt, mit dem Länderspiel im Baba Yara Stadium, entspannten Aktionen mit den anderen Volunteers und der Vorfreude auf die Europameisterschaft. Letztendlich muss ich jetzt sagen, der Juni war leider nicht so überragend wie die drei Monate zuvor.

Samstag vor zwei Wochen waren wir recht lange bei Peter, nähen, unterhalten, Musik hören, ich wollte dann aber doch um 3 Uhr nachts noch nach Hause, damit ich sonntags gemütlich ausschlafen kann. Keine so gute Idee. Auf halber Strecke ist mir ein dubioser Typ gefolgt, hab mich schon nicht wohl gefühlt, dann haben wir allerdings kurz vor der Schule ein normales Gespräch begonnen und ich war wieder beruhigt, bis er mich nach der Uhrzeit gefragt und mir im richtigen Moment das Handy aus der Hand geschlagen hat (mit so ner Art Buschmesser, das ich erst dann richtig gesehn hab). Naja, hab dann in dem Moment irgendwie gedacht, vielleicht merkt er, dass er mit meinem schon recht alten Handy nicht viel anfangen kann, bei dem schon die erste Taste gefehlt hat, und hab ihm dafür Geld gegeben. Im Nachhinein fast zum Schmunzeln, ich hab meinen Geldbeutel rausgeholt, ihm paar Scheine gegeben und den Geldbeutel wieder eingesteckt, hat eigentlich nur noch das „Stimmt so“ gefehlt. Also obwohl ich laut um Hilfe gerufen hab und kurz danach gestürzt bin und am Boden lag, er hat mir nichts getan, hat fast höflich gefragt, ob ich ne Kamera dabeihab, und ist dann verschwunden. Wusste denk ich selber nicht so genau, was er da macht, und ich hatte auch nicht das Gefühl, der wäre in der Lage, mir wirklich was anzutun. Ich durfte sogar die Schokocreme behalten, die ich dabeihatte, auch wenn die 500g innerhalb der nächsten vier Tage aufgebraucht waren 😉 So wars denk ich eine gute Warnung, in Zukunft doch etwas vorsichtiger zu sein, ich hatte zum Glück weder Laptop noch Kamera dabei, wie das auf dem Heimweg nach den Spielen um 9 oder 10 oft der Fall war, und das Handy und die umgerechnet 10 € oder so kann ich gut verkraften (lag eh noch ein Handy von den alten Volunteers in meinem Zimmer und ich bin ein paar nervige Anrufer los). Das blöde ist halt, ich hab mich bis jetzt immer so sicher gefühlt, nie ist mir irgendwas passiert und ich hab nicht im Traum daran gedacht, dass so etwas mal vorkommen könnte. Hab dann erstmal die nächsten zwei Tage in jedem verdächtig ausschauenden Mann auf dem Weg nach Tanoso den möglichen Täter gesehn, weil ich mich nicht wirklich an das Gesicht erinnern konnte, aber das  hat sich auch schnell gelegt. Ich bin nicht von der Realität in einen Alptraum gerutscht, sondern von einem Traum in die Realität. Ich hab mich hier nach einiger Zeit fast sicherer gefühlt als in Deutschland und bin bedenkenlos rumgelaufen, weil die Leute einfach alle so super freundlich und höflich waren.  Jetzt weiß ich, dass ich hier nachts um 3 ebenso wenig alleine rumlaufen sollte wie in den dunkelsten Ecken Hochzolls. Am Tag braucht man sich nix denken, da sind überall Leute unterwegs, Schüler, Kinder, Hausfrauen, Studenten … Ich lauf halt jetzt nicht mehr allein im Dunkeln nach Hause, mein Lehrerkollege und Sportsfreund Mike oder Freunde von ihm haben mich nach jedem Spiel heimbegleitet.

Das ist einer der positiven Punkte, dass ich mit Mike einen Ghanaer gefunden habe, dem ich wirklich vertraue, mit dem ich mich verstehe und der mich als Freund und nicht als Obruni sieht. Ein typischer Ghanaer, der treu seiner Kirche folgt, abartig billige Ghanaian Movies anschaut (ungefähr sowas wie die Verfilmung einer Bravo-Fotostory, köstlich), sich schön in Hemd und Anzughose kleidet, aber in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ohne fließendes Wasser lebt und auf dem Boden kocht, gerne mal die Moskitos als „stubborn“ bezeichnet oder „small small pepper“ hinzugibt, sich leidenschaftlich dem FC Chelsea hingegeben hat und nicht gerade durch deutsche Pünktlichkeit glänzt. Aber da haben die Ghanaer eh eine ganz andere Einstellung als wir. Ich habe immer gefragt, ob er Zeit hat, zum Spiel zu kommen, oder ob ichs besser in Denkyemuoso anschaue, damit er mich nicht heimbegleiten muss. Klar kommt er und ich soll natürlich auch kommen, hieß es, was ungefähr bei jedem zweiten Mal nicht der Fall war. Wenn spontan ein anderer Freund was von einem braucht, kurzfristig noch ein Gottesdienst stattfindet oder man auf dem Weg von einem Bekannten angesprochen wird, dann ist es für Ghanaer selbstverständlich, dass dann erstmal das gemacht wird. Auch wenn man eigentlich schon eine Verabredung hat, die ist dann erstmal zweitrangig, hier wird nicht gesagt, tut mir Leid, ich hab schon was vor, oder ich hab im Moment keine Zeit. Das ist eben ein anderes Verständnis von Vereinbarungen und man sollte deswegen nicht einfach sagen, die Ghanaer sind unzuverlässig. Ich musste zwar ein paar Mal länger warten oder rumtelefonieren, aber ich bin nach jenem Tag jedes Mal mit Begleitung sicher nach Hause gekommen.

Das erste, was Ghanaer normalerweise machen, wenn sie dich ein bisschen besser kennen, ist, dass sie dich in ihre Kirche einladen. Davon hat mich Mike bisher zum Glück verschont. Hab noch einmal eine Kirche hier besucht, das ist einfach alles so oberflächlich, laute Musik, kitschige Glitzer-Gewänder, euphorische Amen- und Halleluja-Rufe zu jedem Bibelvers und zum Teil wird halt tatsächlich noch gepredigt, dass der Mann die Frau behüten soll und die Frau dem Mann gehorchen. Auch bietet mir Mike ständig Essen an und bezahlt zum Teil für mich, ich muss schon schauen, dass ich mehr bezahle, sonst geht das hier in eine Richtung, die mir nicht passt (du freust dich ja immer so über Zitate, Vale). Hab ihm vor der EM ein Deutschlandtrikot geschenkt, das hat er zu jedem Spiel getragen, ich wurde schon angesprochen mit „Oh, you germanized him!“  Schade, dass wir davon nur noch ein Trauerbild zusammen machen können.

So, ne halbe Seite fast nur über ihn, was ist da denn los? Der Matze wird doch nicht mit nem Chelsea-Fan … ? Defitidefinitiv nein. Ebenso wenig will ich mit ihm als Kumpel rumprahlen wie mit einem dressierten Schoßhündchen. Aber vielleicht interessierts ja den ein oder anderen, wie der Ghanaer an sich denn so lebt. Oder biologisch formuliert, wodurch sich der Lebenszyklus des gemeinen Wald- und Wiesenghanaers, der meistverbreiteten Spezies hier, denn so auszeichnet. Mit den Schülern kann man außerhalb der Schule leider wenig machen, weil man sonst halt immer der Onkel ist, der alles zahlt, und zu einigen ist das Vertrauen auch schon weg. Die meisten Lehrer sind nett, ohne dass man jetzt groß was mit ihnen in der Freizeit machen würde. Einer macht auch nur ständig Heiratswitze über mich und meint, wenn er nur lange genug in Twi auf mich einredet, werd ichs schon lernen. So ist halt Mike der einzige, mit dem ich so richtig das ghanaische Leben kennenlerne und deswegen gings jetzt auch hauptsächlich darum.

Das einzige, was ich irgendwie komisch finde, sind seine Freunde, zum Teil recht wohlgenährte Frauen, die nicht gerade vor Elan und Lebensfreude strotzen. Letztens haben wir zusammen Fufu gemacht und zwei Typen wollten mich beim Stampfen fotografieren, wobei ihnen meine Kamera runtergefallen ist, schön aufs Objektiv. Ein kurzes Sorry und danach gings fröhlich weiter; bis auf Mike war sich eigentlich keiner so wirklich bewusst, dass da grade ne recht gute Kamera „gespoiled“ wurde (spoil ist hier der Universalausdruck für kaputtgehen, beschädigen, verschimmeln, verschmutzen, vermiesen etc.). So war auch mein Nachmittag danach ziemlich gespoiled und ich war zum ersten Mal richtig angepisst von der Don’t-worry-Mentalität der Leute hier, weil ich mir einfach gedacht hab, wieso kommt jetzt plötzlich alles so zusammen. Wir sind dann aber am nächsten Tag nach Kumasi rein und in so nen Hinterhof, wo vier Leute an nem Tisch voller Fotozubehör saßen und tatsächlich alles wieder zusammenlöten, kleben, schrauben und ersetzen konnten (Ohne Löten kein Kleben, ohne Klöten kein Leben, fällt mir grad so auf). Danach war ich wieder „total euphorisch“, ums in Mesut Özils engagierter Ausdrucksweise zu sagen, und ziemlich begeistert von dem, was hier in Ghana alles möglich ist – wer repariert dir in Deutschland schon für umgerechnet 20 € ne Kamera mit schräg eingedrücktem Objektiv?

Die Regenzeit ist mittlerweile voll in ihrem Element, es ist fast nur noch bewölkt, merklich kühler und regnet zum Teil stundenlang durch, wahrscheinlich schlägt das auch ein bisschen aufs Gemüt. Wenn der Blog mit Sound wär, müsste jetzt von so ner Darth-Vader-Stimme „Melancholie“ kommen 😉 Ist manchmal echt schwierig, die Wäsche noch ordentlich zu trocknen, und da ich zu spät von Boxershorts auf Schlafanzug umgestiegen bin, war ich jetzt auch noch bissl erkältet, wer hätts gedacht, auf natürlichem Wege ohne Klimaanlage.

Also fass mer mal zusammen: Ausgeraubt, Kamera kaputt, Regen, Niederlage gegen Italien, von der Studiensuche genervt. Naja, gehört eben auch dazu. Die ersten drei Monate waren wahrscheinlich einfach zu perfekt, alles hat irgendwie gepasst, keine Probleme weit und breit, war eigentlich klar, dass das nicht immer so bleiben kann. Ich wollte Land und Leute kennenlernen, diesen Monat hatte ich nun halt weniger Land und mehr Leute. Und genug schöne Erlebnisse gab es natürlich auch: Wir waren mal wieder als große Gruppe im italienischen Nationalzirkus, der grade in Kumasi gastiert, bin kein großer Zirkusfan, aber da waren schon paar gute artistische Nummern dabei. Passend dazu gings paar Tage später zum Pizzaessen, ist schon interessant, wie man sich mittlerweile an die Preise hier gewöhnt hat. 12 Cedi für ne Pizza, zunächst einmal wahnsinnig viel, weil Reis halt nur 1 bis 4 Cedi kostet, aber umgerechnet grade mal 6 € und war echt lecker. Trotzdem, ich persönlich brauchs nicht nochmal, Reis und Yam sind auch lecker und ich fühl mich irgendwie blöd, wenn ich wie die Superreichen hier Essen gehe und damit dazu beitrage, dass die Preise auch für die Einheimischen steigen. Auf ner Hochzeit waren wir auch noch, das war unter anderem vom Raumschmuck her so wie Prinzessinnengeburtstag 3. Klasse (der Bräutigam mit edler rosa Fliege), aber muss man auch mal erlebt haben. Lisa und ich haben zusammen Gari and beans gekocht, unser gemeinsames Lieblingsessen, hat viel Spaß gemacht und gar nicht so übel geschmeckt (ist nicht ganz einfach, von Ghanaern ein Rezept zu bekommen, da wird dies und jenes vergessen, weils für die Leute hier klar ist). Aber der nächste Versuch wird ein kulinarischer Orgasmus! Ansonsten hab ichs endlich mal geschafft, paar Stoffe zu kaufen und die zu unserem Schulschneider zu bringen, die ersten Hosen dürften bald fertig sein. Meiner sechsten Klasse hab ich den Trikotsatz übergeben, den ich von den Sportfreunden mit nach Ghana bekommen habe (herzlichen Dank schon mal an dieser Stelle!), danach gings drunter und drüber – also Schuluniformen drunter und Trikots drüber. Sind öfter mal Schulturniere, also die können die schon ganz gut gebrauchen. Die Schüler verstehen zwar immer noch nichts, passen nicht auf und streiten sich (wenn auch deutlich weniger als am Anfang), aber ich hab mir letztens mal Bilder durchgeschaut und mir gedacht, den Haufen werd ich schon vermissen, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, so sehr sie mich hier auch nerven 😉

Jetzt bin ich doch irgendwie froh, dass die EM heute rum ist, hab bis auf Spanien gegen Kroatien und ein paar Stromausfälle alles gesehen, was es zu sehen gab. Waren natürlich super Erlebnisse dabei, mit am besten das erste Spiel gegen Portugal mit richtig viel Stimmung in der Unihalle sowie das Viertelfinale gegen Griechenland im Fernsehzimmer eines Studentenwohnheims, in dem sich die Leute sogar mitunter recht niveauvoll humorvoll auf Englisch unterhalten haben. Den griechischen Trainer fand ich eh jedes Mal super, die ganze Krise Griechenlands versinnbildlicht in einer Person, die fleischgewordene Verzweiflung (Auch wenns ja ein Portugiese war, die sind vom selben Schlag 😉 ). Ein Spiel hab ich in Denkyemuoso angeschaut, in einem kleinen Innenhof, überdacht von einer Zeltplane, die Männer alle mit Feuereifer dabei, die Frauen nebendran beim Fufustampfen, auch nicht schlecht. Aber wenn jetzt dann die Bewerbungen auch noch fertig sind, kann ich mich hoffentlich wieder voll auf Ghana konzentrieren und das tun, was ich bisher am meisten genossen habe, Ausflüge machen, im Kindergarten malen und den Alltag hier erleben.

Schöner Artikel, Nela! Hat mir gut gefallen, mit viel Fußball, passend zur EM 😉 Ich hoffe, meine Äußerungen über das Schulsystem kamen nicht zu negativ und überzogen rüber, ich hab den Fragebogen glaub ich in einer Zeit ausgefüllt, in der ich grade bisschen genervt von allem war ;D Ist inzwischen viel besser. Jetzt war ich in der Zeitung, im Harthauser Pfarrbrief, im Jahresbericht komm ich auch noch, ich geh den Leuten wahrscheinlich langsam ziemlich auf den Sack 😀 Hier in Ghana gäbs nur eins, was man über einen derart verhaltensauffälligen Störenfried sagen würde: „Foolish boy, don’t mind him!“

Liebe Grüße, und wers schon gar nicht mehr erwarten kann, auch wieder live und hautnah von mir penetriert zu werden: Neun Wochen sinds noch, dann ist die Schonzeit vorbei!

Viel Spaß im Juli an der Uni, in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Schule, auf Reisen, beim Lernen, in der Ausbildung, aufm Klo, unter der Brücke, über den Wolken, unter aller Sau, im siebten Himmel oder wo auch immer!

Matze

Halbzeitanalyse

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GHANAIAN GERMAN SCHOOL

Denkyemuoso – Kumasi

MID-TERM EXAMINATION

Subject: German language

Date: 10th June 2012

 

Themenstellung:

Verfasse eine Reizwortgeschichte, in der die Begriffe Tröten, Kröten, Röten, Töten und Löten einen zentralen Stellenwert haben. Die Geschichte kann sich in einem alltäglichen oder abenteuerlichen Handlungsumfeld abspielen. Achte auf korrekte Rechtschreibung, Grammatik und eine saubere äußere Form.

Bearbeitungszeit: Bis(s) zum nächsten Stromausfall

Viel Glück!

 

Nichts leichter als das! Und keine Angst, es geht weder um satanistische Opferrituale noch um eine feingeistig-abstrakte Neuinterpretation des Walpurgisnachttraums aus Goethes Faust. Stattdessen hier die Gliederung:

 

A Kurze Begrüßung im Zeichen jüngster Ereignisse

B Zusammenschau der seit dem letzten Bericht vergangenen Wochen

B.1 Besondere Erlebnisse

B.2 Aktuelles Alltagsgeschehen

B.3 Zwischenfazit

C Verabschiedung und Ausblick in die Zukunft (klingt immer gut)

 

Yippie Yippie Yeah! Meda’ase paa Manual Newer, Thomas Muller, Tony Cruise & Co.! Schade, dass ich die Stimmung in Deutschland nicht erleben kann, aber Public Viewing hier ist auch nicht schlecht 🙂

Und damit rein in die vergangenen Tage: Am Donnerstag vor zwei Wochen (kommt mir vor wie zwei Monate) bin ich ja wie schon angekündigt mit der Schule nach Accra gefahren. Schön ordentlich mit Kente-Krawatte gings rein in das Regierungsgebäude, wo wir eine Zeit lang eine Parlamentsversammlung angeschaut haben. Hauptsächlich ging es dabei um den Neubau einer Kultur- und Versammlungshalle in Sunyani, mit welchem 1963 begonnen wurde, dessen aktueller Stand aber niemandem so ganz klar war. Bei der vorliegenden Finanzierungstabelle war nämlich blöderweise nicht ganz herauszulesen, ob die Beträge in der alten 2007 abgeschafften Währung oder im neuen Ghana Cedi angegeben waren. Hat für einige Kontroversen gesorgt, letztendlich waren aber alle optimistisch, dass die Halle für eine große bevorstehende Kulturveranstaltung im August 2012 fertig sein würde 🙂 Kurz waren wir dann auch noch am Labadi Beach und in der Accra Mall, soweit ich weiß die einzige City Galerie Ghanas mit dem vermutlich einzigen Laden, in dem es originale Fußballtrikots zu kaufen gab. Die Schüler liefen alle mit großen Augen durch die ungewohnte Glanz- und Glamourwelt, aber letztendlich war es wahrscheinlich für mich selbst noch ungewohnter, das von Zuhause bekannte plötzlich in Ghana zu sehen. Aufgrund einer sehr intensiven Obruni-Konzentration, die sich in Form eines milchig-trüben bis rötlichen Farbausschlags beobachten ließ, sowie der Zugabe einer ätzenden, silbrigen Lösung, genannt Apple-Store, hakte ich das Ganze jedoch als einmaliges Experiment ab und beende den komisch-chemischen Schreibstil hiermit auch wieder.

Statt alleine im Moloch Accra zu bleiben, wie ich eigentlich vorhatte, bin ich dann doch lieber am Abend wieder mit dem Partybus unserer Schule zurück nach Kumasi getuckert. Die richtige Entscheidung. Am Freitag habe ich erstmal das wohlklingende Bobiri Forest Butterfly Sanctuary in der Nähe von Kumasi besucht, in dem es wieder einmal wunderbare Regenwaldnatur und eine wirklich unglaubliche Schmetterlingsvielfalt zu genießen gab. Und ich konnte sogar zusammen mit einer englisch-indischen Forscherfamilie Spaghetti essen. Von dort aus fuhr ich direkt weiter an den vielgerühmten Lake Bosumtwi, der, wie sich herausstellen sollte, zu Recht gerühmt wird. Wir waren insgesamt neun Volunteers aus vier Nationen und haben einfach einen der Fischer gefragt, ob wir gegen etwas Bezahlung an seinem Strand zelten dürfen. Durften wir, genauso wie ein gemütliches Lagerfeuer machen und mit einem der traditionellen Einbäume auf den See hinauspaddeln. Nach der Ashanti-Kultur ist es nämlich nicht erlaubt, normale Fischerboote zu benutzen. Ein rundum gelungenes Wochenende, an dem auch die nach Baden und Wandern recht gerötete Haut nichts änderte!

Mit in etwa der gleichen Gruppe, zahlenmäßig nun sogar unter dem Motto „Zehn Freunde sollt ihr sein“, hieß es am 1. Juni ab ins Stadion! WM-Qualifikation Ghana – Lesotho. Für alle, die sich in der Materie des runden Leders nicht sonderlich passsicher fühlen, sei erwähnt: Ghana gilt auf dem afrikanischen Kontinent fußballerisch als absolutes Schwergewicht, während Lesotho ebenbürtige Gegner wohl eher in San Marino oder den Färöer Inseln finden würde. So muss man letztendlich sagen, wer weiß, was passiert wäre, wenn sich die Spieler von Lesotho nicht innerhalb eines etwa einstündigen Flutlichtausfalls in den Kabinen hätten erholen können – das Endergebnis von 7:0 wäre wohl erst der Anfang gewesen. Wir haben es ihnen jedoch gleichgetan und uns in der nächstbesten Bar erholt, unwissentlich, wie es weitergehen würde, bis dann plötzlich der Mob wieder ins Stadion gerannt ist. Stimmungstechnisch war das Ganze natürlich erwartungsgemäß ein Highlight, zumal wir uns vorbildlich mit allen möglichen Fahnen, Trikots und sanft-melodischen Tröten eingedeckt hatten. Für alle, die immer noch über die Namensgebung meiner Blogadresse rätseln, sei an dieser Stelle des Pudels Kern offenbart – halt, wir wollten ja von Goethes Faust die Finger lassen: „Black Stars“ lautet der Spitzname für die ghanaische Nationalmannschaft, den auch jeder Fan verwendet, wenn über das Team gesprochen wird. Ganz unspektakulär.

Am nächsten Tag ging es mal wieder auf den Markt nach Kumasi, diesmal zum Lederkaufen. Stichwort Leder, die Handwerkerabteilung hat schon ihren ganz eigenen Charme: Da wird gelötet und geschweißt, gehämmert und geschraubt, gesägt und gebohrt, und das meiste mit recht wenigen technischen Hilfsmitteln. Rastabruni Max, einer aus der Gruppe, hatte in seinem Projekt gelernt, wie man selber Schuhe macht, und wollte uns nun auch in jene feinen Künste einweihen. Dank ghanaisch gelassener Herangehensweise unsererseits, kombiniert mit Stromausfall, begann das Schnibbeln und Schablonieren erst abends im Kerzenlicht. Romantisch, hatte bisschen was von Weihnachtsbastelei. Für meine Plattfüße gabs allerdings noch keine passenden Muster, sodass ich erstmal mit Lederarmbändern angefangen habe.

Der Alltag in Denkyemuoso ist zurzeit gerade geprägt von allem möglichen zu tun. Da ist erstmal der Unterricht in der Grundschule, der sich mühsam wie eh und je gestaltet. Man muss es leider so traurig sagen, aber selbst mit den letzten zwei Themen, für die mich Grundschüler in Deutschland auslachen würden, konnte ich die mathematischen Blockaden der Schüler hier nicht abbauen. Ich zeichne Zahlenpyramiden nach dem Schema 1, 1+2, 1+2+3 und 1+2+3+4 hin, die Schüler wissen nicht, wie sie dasselbe für 5 und 6 machen sollen. Dafür habe ich am Freitag ganz schön mit der Klasse gemalt und es war auch ohne die Klassenlehrerin erträglich diszipliniert. Wenn ich die Schüler im Dorf oder so sehe, grüßen alle immer super süß und freuen sich, und im Unterrichten ist dann vieles so unglaublich schwierig, einfach schade.

Die eine Deutschklasse will ständig Neues lernen und Überstunden machen, aber wenn ich alten Stoff abfrage, kann sich kaum einer noch erinnern, auch nicht so optimal. 🙂 Oft kommen irgendwelche Schüler vorbei, der eine will, dass ich ihm einen Facebookaccount einrichte, der nächste ein bisschen Mathenachhilfe, der dritte braucht nur ein Pflaster. Manches mache ich gerne, keine Frage, aber manches nervt auch, wenn zum Beispiel Schüler, die nie zum Unterricht kommen, plötzlich um ein Handout mit sämtlichem Stoff betteln. Viele Lehrer hier haben grade so eine Art Referendariatszeit, die bald zu Ende ist, und brauchen für ihre Beurteilung ein Video über eine Unterrichtsstunde. Ein Lehrer, mit dem ich mich gut verstehe, hat mich da gefragt, ob ich ihn filmen könnte und war auch sehr interessant und nett, aber dann sind halt nach und nach noch fünf andere gekommen, die mich zum Teil bisher nie besonders beachtet haben, da kommt man sich dann auch mal ein bisschen blöd vor. Mit dem Alphabet im Kindergarten bin ich jedenfalls nicht besonders weitergekommen die letzte Woche und das muss ja auf alle Fälle fertig sein, wenn Ende Juli das Reisen losgeht. Übrigens wird mich da dann die letzten drei Wochen mein Papa besuchen, freu mich schon wie ein ghanaischer Schneekönig.

Apropos Wetter: Mittlerweile stecken wir hier mittendrin im Schlamm-Assel, also in der Regenzeit. Das heißt, es schüttet und gewittert regelmäßig richtig rasant runter, vor allem abends, und kühlt auch mal für ein, zwei Tage angenehm ab. Aber ansonsten ists tagsüber auch wieder gewohnt heiß, dass einem die Suppe nur so über den Kühler rinnt. Kennzeichnend für einen Spaziergang nach Tanoso im feucht-fröhlichen Milieu sind vor allem zahlreiche Kröten, die einem von links und rechts über den Weg hüpfen. Hätten wir das auch abgehakt.

Ich fühle mich grade ein bisschen so, als würde sich die Zeit hier schon dem Ende zuneigen, derweil ist ja erst etwas mehr als die Hälfte vorbei. Alles vergeht einfach so schnell, ich hab noch so viel zu tun und richtig an der Schule bin ich ja nicht mal mehr für zwei Monate, von denen sich die nächsten drei Wochen nachmittags vor allem um Erdnussknabbern und Arschwundsitzen in Tanoso drehen werden.

Was bleibt als Fazit nach über drei Monaten Ghana? Am Anfang natürlich erstmal ein Schwall an neuen Eindrücken, der die ersten Wochen zu einem überwältigenden Abenteuertrip gemacht hat. Faszination und purer Genuss am afrikanischen Alltag. Der Gedanke, endlich in Ghana angekommen zu sein, hat mich stets aufs Neue mit wohligen Glücksgefühlen einschlafen lassen. Danach kam die Reisezeit, zum ersten Mal alleine durch ein fremdes Land zu kreuzen, Norden, Süden und Westen abzugrasen, interessanteste Begegnungen und Entdeckungen zu machen – unglaublich tolle Wochen, an die ich mich immer noch gerne zurückerinnere.

Mittlerweile der Schulalltag, wozu ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich nicht jeden Tag voller Elan morgens aus dem Bett hüpfe. Das Unterrichten an der Grundschule ist einfach in vielen Dingen so ernüchternd, wenn ich es zum Beispiel damit vergleiche, wie viele schöne Momente mir die Praktika im Kindergarten in Deutschland gebracht haben. Da bin ich eben hier nach drei Monaten immer noch mehr ein Fremdkörper als nach zwei Wochen dort. Ich meine gar nicht so sehr, dass die Schüler den Stoff nicht verstehen, sondern eher, dass sie sich zum Beispiel immer noch ständig streiten und nicht aufpassen und mir damit quasi klarmachen (bzw. auch direkt sagen), dass sie mich erst dann voll respektieren, wenn ich zu schlagen anfange. Aber man darf es auch nicht ständig vergleichen, das hier ist eine einzigartige Erfahrung, etwas ganz anderes, man muss eine angemessene Sichtweise behalten und sich an den vielen kleinen Dingen erfreuen, die einem vielleicht erst bei einem genaueren Hinblick bewusst werden. Die knuddeligen Hosenscheißer hier im Kindergarten machen natürlich auch einiges wett. Ich habe meinen Platz gefunden, schwierige und schöne Aufgaben an der Schule und im Kindergarten, Freunde unter Lehrern und Schülern und nette Volunteers, mit denen man auch mal kurz aus dem Alltag hier abtauchen kann. Ganz unabhängig von Ghana genieße ich es auch, meine eigene kleine Wohnung zu haben und mal ganz für mich selbst zu sorgen, den „Haushalt“ zu schmeißen und nicht in die Verwahrlosung abzurutschen 😉 Eine Erfahrung, die fürs Studium sicher nicht schlecht ist. Dazu gibt es übrigens nur zu sagen, dass ich mich bei der Fachsuche die letzten Tage ziemlich im Kreis gedreht habe und weiterhin vieles interessant finde, aber auch überall kleinere oder größere Unstimmigkeiten sehe.

Das solls erstmal gewesen sein. Ich hoffe, am Mittwoch ein packendes Spiel ohne Strom- oder Bildausfall zu sehen, denn dank Franz Beckenbauer wissen wir ja schließlich: Die Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt! Ich hab mal kurz überlegt, ob ich hier wirklich ständig EM schauen will oder nicht besser was mache, was ich in Deutschland nicht machen kann – aber wenn schon die Ghanaer nur noch Fußball im Kopf haben, wieso dann nicht auch ich.

Gäbe noch drei Themen, die ich gerne mal hier im Blog ausführen würde, aber ich will auch nicht die ganze Zeit nur vorm Laptop hocken: Erstens eine Sammlung von allen möglichen Beobachtungen, die ich hier so seit meiner Ankunft gemacht habe, zweitens ein kurzer Blick in die ghanaische Küche und drittens ein kleiner Sprachkurs Ghanaian English, was angeblich sogar als eigene Sprache anerkannt ist.

Also machts gut, für blöde Sprüche sind mir die Holländer zu sympathisch und hier in Ghana gibts eh keine Müllabfuhr!

Ach ja, das letzte Reizwort fehlt noch: Gesundheitlich gehts mir erstaunlich gut – Chilli und Pepper töten eben alle Keime 🙂 Auch wenn nach 285 Minuten Fußball wie am Samstag schon mal der Schädel brummt: Ghana – Sambia, Holland – Dänemark, Deutschland – Portugal und noch ne Viertelstunde Brasilien –Argentinien.

Wünsch euch allen nen schönen und erholsamen Fußballsommer!

Mit freundlichen Grüßen

Matze

Alles neu macht der Mai?

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„… das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.“ Hab ich am Ende des letzten Reiseberichts geschrieben. Das „ruhig“ möchte ich im Folgenden nun gerne ein wenig relativieren.

Vorab allerdings eine kurze Frage: Ist es seit Samstag moralisch verwerflich, zum Wäschewaschen Blues Brothers zu hören?

Womit schon einmal die beiden männlichsten Dinge genannt wären, mit denen ich mir hier so die Zeit vertreib: Fußballschauen und Wäschewaschen. Während ich zu ersterem im Moment besser Stillschweigen bewahre, muss ich zum Waschen sagen, das ist ab und zu echt richtig angenehm, sich einfach mal hinzusetzen, bissl Musik zu hören und Kleidung und Gedanken in Ordnung zu bringen.

Die Vormittage verbringe ich seit einiger Zeit vor allem damit, im Kindergarteninnenhof das Alphabet mit passenden Symbolen an die Wand zu malen (von A wie „antelope“ bis Z wie „zebra“). Lisa hat schon einen Gruppenraum gestaltet und sieht richtig super aus, also ich schau, dass ich mich da ranhalten kann. Aber macht echt Spaß, sich so in seine eigene Welt zu malen, während ein Haufen kleiner Kinder fröhlich um einen herumhüpft. Und je mehr die Sache Form annimmt, desto einfacher gehts dann auch ans Werk.

Zum Unterricht in der Grundschule kann ich immer noch nicht so wirklich ein Zwischenfazit bilden. Mal klappts echt gut, die Kinder passen auf und die Übungsaufgaben werden recht ordentlich bearbeitet, aber am nächsten Tag kommt dann wieder kaum einer bei einfachsten Sachen mit und auch nach zehn Beispielaufgaben kann keiner fehlerfrei drei Übungen abliefern (sechste Klasse, müsste man doch 140 durch 7 im Kopf rechnen können oder nicht?). Zwei, drei Schüler, der Größe nach schon zweimal durchgefallen, bleiben in der Regel an vier von fünf Tagen lieber zuhause und die Lehrerin weiß auch kein anderes Mittel, als bei den Kandidaten dann für ein falsch buchstabiertes Wort den Stock besonders motiviert sausen zu lassen. Ich selber hab bis jetzt leider auch keine Idee, was man bei solchen Problemfällen machen könnte, die kaum ein Wort Englisch von mir verstehen.

Der Deutschunterricht gestaltet sich munter, die eine Klasse wollte gestern unbedingt die deutsche Nationalhymne lernen (kann ja nicht schaden für die EM) und in der anderen Klasse durfte ich vor kurzem einen neuen Positivrekord von sieben anwesenden Schüler feiern.

Auf der Suche nach passenden Studiengängen hab ich die letzten Wochen so viel Zeit im Internetcafé verbracht, dass die zwei sehr netten Betreiber mir gleich ein Jobangebot gemacht haben. Sie wüssten zwar selbst nicht genau, wie ich ihnen helfen könnte, aber sie würden sich auf jeden Fall freuen 🙂 Klingt ganz interessant …

Was gibts sonst noch zu erwähnen: Ich war in Bonwire, einem kleinen Dorf, das für die Herstellung von traditionellen Kente-Stoffen bekannt ist, und hab mich am Muttertag mal ganz intensiv Kumasi gewidmet. Okomfo-Anokye-Schwert, National Cultural Centre mit sehr interessantem Museum, Stadtzentrum Adum und sämtliche Denkmäler und Statuen. Skurrile Geschichten, die die Ashanti-Kultur zum Teil so liefert – genannt sei ein so langsam verrottendes Bündel aus Elefantenleder, von dem keiner weiß, was drin ist, weil es der Sage nach nicht geöffnet werden darf. Fand ich echt spannend, so über die Traditionen, Erzählungen und Bräuche zu lernen, und ich bekomm mittlerweile auch richtig Lust, was schönes Kulturwissenschaftlich-Gestalterisches zu studieren, wenn ich nur wüsste, was genau. Vermutlich aber eher nichts mit Musik und Film: Hab letztens mit den Schülern hier ein kleines Tanz- und Musikvideo gedreht, und auch wenn ich nur hinter der Kamera stand, bezweifle ich doch sehr, dass sie damit wie erhofft in Europa den großen Durchbruch schaffen …

Zwei Tage innerhalb der letzten Wochen möchte ich noch besonders herausheben, was sich jetzt wohl ein wenig hinziehen wird.

Der erste sah so aus, dass ich erstmal mein Zimmer aufgeräumt hab und dabei schon ständig in irgendwelchen Mitbringseln, Karten und sonst was aus Friedberg und der Heimat hängen geblieben bin. Ich fand solche Tage in Deutschland schon immer seltsam irgendwie, stundenlang in alten und neueren Erinnerungen zu schwelgen und dann plötzlich wieder zurück ins Leben aufzuwachen – aber das Ganze dann noch hier in Ghana. Dann hab ich zu allem Überfluss auch noch in der Schulbücherei rumgestöbert und dort unser altes ‚Green Line New‘-Englischbuch aus der sechsten Klasse gefunden. Passiert mir sonst ja nie, aber dazu muss ich jetzt doch eher Sentimentalitäten als den großen Matze raushängen lassen. Nochmal „Robin Hood and the silver arrow“ durchzulesen, mehr als sieben Jahre später und nun nicht mehr als kleiner (süßer?) Schüler, sondern als Lehrer einer sechsten Klasse weit weg in einem Land, das damals für mich wohl nur ein kleiner, unscheinbarer Ort im Atlas war. An alte Zeiten und Geschichten von und mit Mark Penrose, Becky Burton und Nottingham Kaschtl zurückzudenken, an Nachmittage, die man brav mit Vokabelschreiben und glücklich mit Räuber-und-Gendarm-Spielen verbracht hat, und sich bewusst zu machen, was für eine schöne Schulzeit und Kindheit man doch hatte. Sich gleichzeitig die Gegenwart und Zukunft vor Augen zu halten, ein einziges riesiges Erlebnis und Abenteuer mitten in Afrika. Eine Mischung aus Dankbarkeit, Zufriedenheit, ein bisschen Heimweh und einer Prise Stolz.

Der zweite der erwähnten Tage war der letzte Sonntag. Schon der Abend zuvor hatte ja wenig Anlass zu Freudentänzen geboten (auch wenn die meisten Ghanaer in dieser Hinsicht anderer Meinung waren), aber – Stichwort: „Lebbe geht weider“ – alles halb so wild. Bewegender war dagegen, in einem sehr ergreifenden Buch zu lesen, das ich beim Aufräumen in meinem Zimmer entdeckt hatte. Arundhati Roy, Die Politik der Macht. Die indische Autorin beschreibt darin unter anderem, wie in ihrer Heimat durch riesige Dämme Natur und Ökosysteme unwiederbringlich zerstört und Millionen Menschen vertrieben und heimatlos gemacht wurden. Auch die wenig glanzvolle Rolle von Weltbank, indischem Staat und internationalen Entwicklungsorganisationen wird dabei nicht ausgespart:

„Ich stand auf einem Hügel und lachte laut. Ich hatte mit dem Schiff von Jalsindhi über die Narmada gesetzt und war die Anhöhe am anderen Ufer hinaufgestiegen. Von dort sah ich, verteilt über die Kuppen niedriger, kahler Hügel, die Adivasi-Stammesdörfer Sikka, Surung, Neemgavan und Domkhedi. Ich sah die luftigen, zerbrechlichen Häuser, die Äcker und Wälder dahinter, die kleinen Kinder, die mit noch kleineren Ziegen durch die Landschaft sausten wie motorisierte Erdnüsse. Ich wusste, die Kultur, die ich vor mir sah, war älter als der Hinduismus – und dazu verurteilt (mit dem Segen des Obersten Gerichts im Lande), während des nächsten Monsuns im steigenden Wasser des Sardar-Sarovar-Stausees unterzugehen.

Warum lachte ich? Weil mir plötzlich einfiel, wie väterlich besorgt die Richter des Obersten Gerichtshofes in Delhi sich (bevor sie den gerichtlich verfügten Baustopp am Sardar-Sarovar Staudamm aufhoben) danach erkundigt hatten, ob für die Kinder der Adivasi, der indischen Ureinwohner, in den Umsiedlungsdörfern auch Spielplätze vorgesehen seien. Die Anwälte der Regierung hatten sich beeilt zu versichern, dass dem so sei und dass es auf allen Spielplätzen Wippen, Rutschen und Schaukeln gebe. Ich sah zum endlosen Himmel auf und hinunter zum dahinströmenden Fluss, und einen kurzen, ganz kurzen Augenblick lang verkehrte die Absurdität des Ganzen meine Wut ins Gegenteil, und ich lachte. Ich wollte niemandes Gefühle verletzen.“

Warum ich das alles so ausführlich in meinen Blog schreibe? Weil ich mich in dem Moment daran erinnert habe, wie ich in Bui während des Sonnenuntergangs auf dem Hügel stand und über den Park blickte. Ich hatte damals kaum an den Damm gedacht, der dort gerade gebaut wird und nach seiner Fertigstellung zwar keine Menschen, aber die dort lebenden Nilpferde und anderen Tiere vertreiben wird. Der Damm hilft ganz Ghana, hatte es geheißen. Was wird er wirklich bringen, wem bringt er was? Sicher dem chinesischen Unternehmen, das für den Bau zuständig ist. Was zerstört er, wem schadet er? Wie sieht es tatsächlich aus mit der Entwicklung in Ghana, in Afrika, in der Welt? „Die Entwicklungshilfe ist ein paternalistisches Unternehmen. Wie seinerzeit der Kolonialismus. Sie hat den größten Teil Afrikas zerstört. Bangladesch ächzt unter der Last ihrer Gaben.“, schreibt Arundhati Roy. Der Leser bewegt sich auf elementare Fragestellungen zu: Was geht eigentlich vor in unserer Welt? Was ist gut, was ist schlecht? In Indien zwingen Globalisierung und Fortschritt Menschen dazu, ihre Heimat, Kultur und Identität aufzugeben. In Ghana machen es manche freiwillig, weil ihnen von Anfang an beigebracht wird, dass alles andere besser ist als das eigene. Auf einem Flachbildfernseher englische Premier League anzuschauen, das höchste der Gefühle. Auch wenn man selbst nur davon träumen kann, das Land tatsächlich einmal zu besuchen. Ist das der neue Wohlstand, den die Globalisierung überall auf der Welt verbreitet hat? Der selbsternannte Touristenführer schraubt schon mal die Eintrittspreise nach oben, damit er sich zum Frühstück in Zukunft auch importierte Marmelade leisten kann. Selbst tief in der Savanne heißt der Traumberuf auf einmal ‚Businessman‘ – mit Altkleiderspenden aus Europa lässt sich schließlich gutes Geld verdienen.

Müssen alle Bewohner unserer Erde Englisch sprechen und einen Computer bedienen können? Was ist es wirklich, was ich hier in Ghana in meinem Umfeld bewirke und verändere? Ghana ist nicht Indien, ich weiß. Hier würde kaum jemand behaupten, dass sich das Land gerade in einer negativen Entwicklung befindet – im Gegenteil. Dürfen wir also hoffen, dass zumindest dieses Fleckchen Afrikas einmal an „unsere“ Standards heranreicht und die Menschen glücklich damit sind? Ein modernes, gebildetes Volk, das zu seiner Heimat und Kultur steht?

Mit diesem Gedanken habe ich das Buch wie ein Denkarium zur Seite geschoben und war froh, dass der ghanaische Alltag mich gut gelaunt zurück empfangen hat. Was bleibt als Erkenntnis? Nicht alles, was rund ist, sich dreht und unser Leben bestimmt, ist ein Fußball. So verrückt es auch klingen mag 😉

Morgen macht die GGS einen Ausflug nach Accra, unter anderem soll das Regierungsviertel, die Börse und die Shopping Mall besichtigt werden, und da Freitag Africa-Unity-Feiertag ist, werde ich das Wochenende wohl in der Hauptstadt verbringen. Also purer Genuss mal wieder 🙂

Liebe Grüße ins wärmer werdende Deutschland, bei uns hat mittlerweile die Regenzeit begonnen …

Matze

Einmal Ghana mit allem, bitte!

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Ein herzliches Grüß Gott mal wieder nach Deutschland! Wie der eifrige Blogleser sicherlich festgestellt hat, hab ich ja länger nix mehr von mir hören lassen. Dieser bedauernswerte Umstand lässt sich jedoch dadurch erklären, dass Schulferien waren und ich so in allerlei abstrusen Ecken Ghanas mein Unwesen treiben konnte. Dazu vorab ein kurzer Überblick:

Reiseroute: Bole, Wechiau, Wa, Tumu, Gwollu, Gbele, Wenchi, Sunyani, Kumasi, Akim Oda, Winneba, Apam, Mankessim

Nördlichster Punkt: Gwollu, kurz vor der Grenze zu Burkina Faso

Südlichster Punkt: Mankessim, ein Stück östlich von Cape Coast

Transportmittel: Trotro, Taxi, Bus, Lkw, Kleintransporter, Jeep, Motorrad, Fahrrad, Kanu

Sprachen: Twi, Dagaare, Fante, Englisch, Deutsch, Finnisch

Tiere: Ziegen, Schafe, Kühe, Schweine, Esel, Hunde, Katzen, Federvieh, Nilpferde, Krokodile, Affen, Steppenwild, Buschratten, Eidechsen und allerlei Insekten

Fazit: Super Einblick in Land, Leute und Kultur Ghanas

 

Keine Angst, für den erlauchten Kreis derer, die es noch genauer interessiert, werde ich das Ganze natürlich auch wieder in gewohnt ausschweifendem Umfang darlegen:

Los gings am Donnerstag vor zwei Wochen, wo ich mit Peter die meiste Zeit im Fahrtwind diverser Ladeflächen Richtung Norden gestartet bin. Auf halber Strecke in Wenchi hats dann allerdings richtig heftig zu schütten angefangen, dass fast kein Verkehr mehr möglich war, und so sind wir den Tag nur noch bis Bole gekommen, ein kleiner Ort mit einer sehenswerten alten Moschee. Mein Plan war eigentlich, die Woche irgendwie Mole, Wa, Bolgatanga und Tamale zu machen, aber ich hab recht schnell gemerkt, dass der beste Reiseplan hier in Ghana ist, keinen Plan zu haben. In der Früh bzw. Sehr-Früh, um halb vier „morgens“, wollten wir nämlich den einzigen Bus von Bole nach Mole nehmen, aber dann war leider aufgrund des Regens die Straße unpassierbar und die Fahrt abgesagt worden.

So sind wir stattdessen, begleitet vom Sonnenaufgang, nach Wa gefahren und von dort ins sogenannte Wechiau Community Hippo Sanctuary. Feine Sache, das ist ein Projekt von der Dorfgemeinde mit verschiedenen Aktivitäten rund um die Nilpferde im Schwarzen Volta und die Einnahmen werden zugunsten der Ortsentwicklung verwendet, hat auch schon mehrere Tourismuspreise bekommen. Zunächst mal konnte man für die letzten 19 km hin zum Camp Fahrräder mieten, was zwar alles andere als schweißfrei war (der Gerät lässt grüßen), aber so durch die Savanne zu radeln, war schon ein tolles Gefühl – und tat gut, wenigstens mal wieder selbst einen Lenker in der Hand zu haben, das Autofahren in Deutschland vermiss ich schon ein bisschen. Dann ist allerdings mein Reifen geplatzt und wir mussten warten, bis der Guide (auf seinem Motorrad 🙂 ) ein Ersatzfahrrad gebracht hat – was nicht weiter nennenswert gewesen wäre, wenn einem nicht tausende kleine Fliegen in Mund, Ohren, Nase und sonstwo hingeflogen wären. So haben wir kurzerhand mein Moskitonetz am nächsten Baum aufgehängt, mussten dann aber feststellen, dass die Maschen nicht eng genug für die Fliegen waren. Dumm gelaufen 😀

Der Abend im Camp war dafür sehr erholsam, zunächst noch zu den Fischern am Fluss geradelt und dann geduscht, das heißt, Wasser vom Brunnen geholt und rein in die Duschkabine: drei schulterhohe Lehmwände mit Blick in die Savanne, richtig geil. Am nächsten Morgen hieß es Kanusafari: Wir haben zwar leider nur ein Nilpferd als kurz auftauchenden schwarzen Punkt gesehen, waren dafür aber zwei Minuten lang in Burkina Faso, da wir kurz am anderen Ufer ausgestiegen sind und der Volta dort die Grenze bildet.

Anschließend ging es wieder zurück nach Wa, wo wir noch andere Volunteers zum Teil aus Kumasi getroffen haben. Sind einfach überall, diese Obrunis 😉 Danach musste Peter wieder zurück nach Kumasi und ich hab mich entschieden, nicht wie der letzte Pauschaltourist weiterzuhetzen, sondern lieber einen kleinen Intensivkurs Upper West einzulegen, nachdem mein Reiseführer (der übrigens wirklich super ist) die Region sehr vielversprechend beschrieben hatte:

„The most remote and little-visited of Ghana’s administrative regions, the Upper West boasts little in the way of formal tourist development, though in the right frame of mind this absence is amply compensated for by a timeless frontier atmosphere and deep sense of removal from the rest of modern Ghana.”

In der Tat, es war eine absolut spannende Zeit dort, geprägt von Natur, Kultur und Tradition. Trotrofahrten durch scheinbar endlose Savannenlandschaften. Vereinzelt kleine Dörfer, in denen die Frauen noch Wasser vom Brunnen holen, die Männer ursprüngliches Handwerk betreiben und Jung und Alt unterm Mangobaum zusammensitzt. Einige Lehmhütten, die sich bescheiden um die Moschee gruppieren. Kaum Verkehr, ein paar Motorräder und Eselfuhrwerke. Sengende Hitze, wenn man sich nicht gerade im staubigen Fahrtwind fröhlich zusammengequetscht auf irgendwelchen Pickup-Ladeflächen befindet. Langbärtige Muslime in traditionellen Gewändern, die einem freundlich zunicken. Ein krähender Hahn zum Gesang des Muhidzins, ein paar spielende Kinder. Alles in allem ein beschaulicher und sanfter Gang der Dinge – ein Stückchen näher an Deutschland, und doch weit, weit weg.

Ich hab mir zunächst mal Wa angeschaut, die Hauptstadt Upper Wests, in der es vor allem bedeutende alte Lehmgebäude und Moscheen zu sehen gab. War auch mal interessant, weil die Stadt so insgesamt schon einen richtig arabischen Eindruck gemacht hat. Und ich muss sagen, ich empfinde den Islam hier richtig angenehm, die Muslime sind freundlich, bescheiden, nehmen ihren Glauben ernst, aber tragen ihn nicht so aggressiv nach außen wie mancherorts in arabischen Ländern. Dagegen macht das Christentum im Süden zum Teil einen ziemlich künstlichen und kitschigen Eindruck auf mich, mit großen Jesus-liebt-mich-Sprüchen überall, glitzernden Plastik-Rosenkränzen, lauter Musik und wildem Getanze.

Von Wa aus gings weiter in den Norden Richtung Tumu, nachdem ich zuvor noch einen neuen persönlichen Highscore aufgestellt hatte: Vierzehn Mangos für 20 Pesewas, also nicht mal 10 Cent. Von dort wars noch ein kurzer Weg nach Gwollu, wo es vor allem die Reste einer alten Mauer zu bestaunen gab, die die Dorfbewohner vor ein bis zwei Jahrhunderten als Schutz gegen die Versklavung erbaut hatten. Dazu musste man aber erstmal den Chief um Erlaubnis fragen und eine kleine Spende machen (ich hatte zum Glück noch eine Packung Kekse dabei). Das war einerseits sehr bewegend, weil der Chief fast ein bisschen zeitzeugenmäßig über die Zeit der Sklaverei erzählt hat, aber andererseits dachte ich mir, besser wäre es, das Dorf würde von der Touristenattraktion profitieren und nicht nur der, der eh schon der Wohlhabendste im Ort ist. Darüber hinaus hatte Gwollu auch noch den angeblich größten Affenbrotbaum in Upper West (ich hab bisher auch noch keinen größeren gesehen) sowie einen Teich mit freilebenden Krokodilen zu bieten, welche vielerorts im Norden Ghanas als heilige Tiere angesehen werden.

Im Gegensatz zur ersten Reise hatte ich diesmal ein Zelt dabei, womit ich die Nacht kostenlos in einer sehr schönen Gästehausanlage in Tumu schlafen durfte, also die Leute dort waren zum Teil echt unglaublich freundlich und hilfsbereit. Die letzte Station im Norden war dann noch ein kleiner Naturschutzpark (Gbele Resource Reserve) auf dem Weg zurück nach Wa, wo ich einen ziemlich gechillten Tag verbracht habe. Das war schon witzig irgendwie, ich kam so gegen Mittag dort an, da saßen in dem Camp fünf oder sechs Männer rum, Guides und was noch alles, haben bisschen Radio gehört, sich was zu essen gemacht oder geschlafen, und zwei davon haben dann am Nachmittag eine Tour durch den Park mit mir gemacht. Schon ein ganz guter Job eigentlich, alle paar Tage mal einen Besucher rumführen und sonst dem Anschein nach nicht so sonderlich viel. Wir haben ein paar Paviane und Buschwild gesehen, allerdings nur von weitem, die Tiere dort waren naturgemäß wahnsinnig scheu. Ist zwar einerseits ein bisschen schade, dass ich hier bis auf die Krokodile noch nichts so wirklich gut gesehen habe, aber andererseits auch ein cooler Gedanke, dass das eben kein Zoo ist, wo man die Tiere aus zwei Metern durch Gitterstäbe betrachten kann, sondern die freie Wildbahn mitten in Afrika.

Der Weg zurück Richtung Kumasi hat deutlich mehr Zeit gekostet, als ich gedacht hatte, sodass ich letztendlich vorzeitig in Wenchi aus dem Trotro raus bin, um wenigstens noch das Ende von Real gegen Bayern zu sehen. Und es hat sich gelohnt: Ich kam etwa zur 60. Minute in so eine Art Hotelwohnzimmer, wo sieben ältere Männer das Spiel angeschaut haben. Statt dem Kommentar lief irgendein Kulturradiosender aus der Elfenbeinküste oder Burkina Faso, das heißt, zum Elfmeterschießen kamen sanfte afrikanisch-französische Chansons, was irgendwie eine ganz skurrile Stimmung erzeugt hat. Also ich werd das Spiel auf jeden Fall in Erinnerung behalten. Und ich freu mich natürlich schon aufs Finale, das ich dann wieder auf Großbildleinwand in Tanoso anschauen werde (mit passendem Kommentar und Halbzeitanalyse durch Sammy Kuffour und Bradley Carnell). Übrigens, Huber, Vale, Felix und Co., zu eurer Freude kann ich sagen, dass ich mich hier eh meistens als Bayernfan ausgebe, das ist in der Regel etwas unkomplizierter, als das mit FCA zu erklären.

Am Donnerstag auf dem Heimweg war ich dann auch noch in Sunyani, was mir gezeigt hat, dass Markt und Zentrum einer größeren Stadt nicht immer so hektisch und überfüllt sein müssen wie in Kumasi. Tatsächlich war ich jetzt ja schon an einigen Orten Ghanas, und bis jetzt war nirgendwo so ein Getümmel und Drunter und Drüber wie hier in Kumasi, also das ist denke ich schon einzigartig. Trotzdem ist die Straße von Denkyemuoso ins Zentrum interessanterweise mit die schlechteste, die ich hier bisher erlebt habe.

Nach einem Tag Pause zuhause ging es am Samstagmorgen schon wieder weiter in die Nähe von Akim Oda, wo die Beerdigung des Vaters von Milli, unserer Sekretärin, stattfand, für die ich mit noch drei anderen Lehrern die Delegation unserer Schule bildete. Dazu kann man sagen, dass eine Beerdigung hier in manchen Aspekten einer Beerdigung bei uns sehr nahe kommt und in anderen gar nicht. Die Gäste tragen alle schwarz, nahe Familienangehörige auch rot, darauf wird genauso viel Wert gelegt wie bei uns. Viel dreht sich ums Geld, ein prunkvoller Sarg muss gekauft und die Spesen bezahlt werden. Was ich allerdings schrecklich fand, es wurde laut übers Mikrofon verkündet, wie viel genau jeder Gast gespendet hatte, wofür dann von den Angehörigen im Gegenzug auch noch Spendenquittungen ausgestellt wurden. Auf dem Dorfplatz kamen alle zusammen, es wurde lautstark Musik gespielt, fröhlich getanzt und ausgelassen gefeiert. Naja, daran will ich nichts kritisieren, das ist eben eine andere Kultur und Tradition, wo mit manchen Dingen anders umgegangen wird, aber ich für meinen Teil kann mich dann doch eher mit etwas mehr Ernsthaftigkeit wie in Deutschland identifizieren. Allerdings wurde ich unter lautstarkem Jubel mit in den Trubel hineinbeordert, was dann ganz witzig war, weil die meisten Ghanaer dort genauso scheiße getanzt haben wie ich. Zum Teil sind sogar alte Omas auf der Tanzfläche richtig abgegangen, ziemlich verrückt. Zwei ältere Männer, die dem Anschein nach nicht zur Beerdigungsgesellschaft gehört haben, sind auch noch ziemlich wirr mit rumgelaufen und haben irgendwelche Selbstgespräche geführt, also das war alles in allem eine recht kuriose Veranstaltung. Verwunderlich fand ich auch, dass der Todestag bereits im Februar dieses Jahres war, und ich frag mich, wo der Leichnam solange aufbewahrt wurde. Aber vielleicht finden Beerdigungen hier ja eher als eine Art Abschluss der Trauerzeit statt (kurz: Beerdigung = Beendigung), ein paar Monate nach dem Tod, was die fröhliche Feier erklären würde. Hätte ich mal frage müssen.

Am nächsten Tag wollte ich eigentlich weiterreisen, aber weil Sonntag war, lag der Verkehr im Ort mehr oder weniger still. So war ich den ganzen Tag in dem Dorf, hab bei einer Freundin von Milli gewohnt und richtig mit den Einheimischen zusammen gelebt, Fufu gegessen, Wasser geholt und Verwandte im Dorf besucht, auch mal eine ganz interessante Erfahrung. Die Leute dort waren alle wahnsinnig gastfreundlich und haben sich ständig um mich gekümmert, was aber am Ende fast ein bisschen zu viel war, weil ich ziemlich fertig war und mich gerne einfach nur ein wenig ausgeruht hätte.

Am Montagmorgen bin ich dafür unverzüglich losgestartet Richtung Küste und hab mir erstmal Winneba angeschaut. War ja mein erster Besuch am Meer und richtig gut, ich hab mich echt wie im Urlaub in Italien oder Frankreich gefühlt: Ein kleiner pittoresker Bootshafen mit lebhaftem Fischmarkt, enge, verwundene Gassen, Salzwassergeruch in der Luft und eine laue Seebrise.

Am Nachmittag bin ich weiter in den nächsten Ort Apam, wofür ich mich mal wieder bei meinem Reisehandbuch bedanken muss: Meda ase! Man konnte dort nämlich für umgerechnet 3€ in einem alten Fort schlafen, das 1697 von den Holländern als Militärstützpunkt errichtet worden war (Fort Leydsaamsheid/Fort Patience). Auf einem kleinen Hügel über der Stadt gelegen boten der Wehrgang und mein Zimmer im obersten Stockwerk eine überragende Aussicht auf Ort und Hafen zur einen Seite bzw. offenes Meer zur anderen, was vor allem später während des Sonnenuntergangs die Möglichkeit für super Impressionen und Fotos lieferte. Auf dem Abendspaziergang wurde ich zuvor auch noch auf eine Runde Strandfußball zwischen Seilen und Fischerboten eingeladen, was den Besuch in Apam wirklich perfekt machte – wieder mal ein absoluter Höhepunkt der Zeit hier in Ghana. Cool war auch noch, im Dunkeln mit einer Öllampe bewaffnet vom Burgbrunnen Wasser zu holen und sich damit in einer neu eingebauten Badewanne abzuduschen. Nicht so cool war dagegen, am nächsten Morgen am Badestrand festzustellen, dass selbiger von den Einheimischen als öffentliche Toilette benutzt wird, mit fein säuberlich verteilten Häufchen rundherum.

Über Mankessim ging es schlussendlich zurück nach Kumasi, nachdem es dort noch einen sehr berühmten Schrein (posuban shrine, was auch immer das genau bedeuten mag) zu sehen gab. Konkret handelte es sich dabei um eine Art kleinen Turm mit allerlei lebensgroßen Mensch-, Tier- und Fantasiefiguren in bunten Farben, welche traditionelle Erzählungen und Sagen widergeben sollten – nur zu finden in der Fante-Kultur der Central Region und für Historiker teilweise ein Mysterium, da einige solcher Schreine anscheinend sonderbarste Dinge darstellen. Leider konnte ich die Szenerie nicht so ausführlich betrachten, da recht bald ein sogenannter Caretaker auf mich zukam, der mir eine Führung für absurde 20C und einen kurzen Wikipedia-Infoausdruck für 5C anbot (zum Vergleich: Eintritt, Übernachtung und Guides in Gbele kosteten zusammen 15C) – so wird’s leider nix mit blühendem Tourismus, liebe Ghanaer …

Gäbe noch tausende andere Kleinigkeiten zu erzählen, die das Leben hier so besonders und erlebnisreich machen, wie zum Beispiel, dass der Trotrofahrer auf dem Weg nach Kumasi plötzlich anhält und einem Jungen eine frisch erlegte Buschratte abkauft, die dann während der Fahrt neben dem Bremspedal deponiert wird, oder dass ein Ghanaer in Bole einen plötzlich in fast perfektem Deutsch anspricht und zu einem Bierchen einlädt. Aber ich denke, es ist an der Zeit, einen Punkt zu setzen: . Ich war unterwegs als Tourist, Abenteurer, Gast, Freund und Fremder, im hohen Norden und tiefen Süden, in allerlei Kulturen und Landschaftsräumen, unter exotischen Pflanzen und wilden Tieren, habe in einer Burg geschlafen und per Kanu Burkina Faso besucht, Durchfall erfolgreich mit Fufu bekämpft und unterm Strich an sieben von zehn Tagen kein fließendes Wasser gehabt, das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.

Nur eine Sache noch zu guter Letzt: Ich hab mir ja vor etwa zwei Wochen die Haare ratzekurz schneiden lassen, weiß nicht, ob sich das schon rumgesprochen hat. Ums kurz zu machen: Ich bin doch eher froh, dass Haare nachwachsen, aber die Leute hier freuen sich glaub ich echt, dass ich mir ne afrikanische Frisur hab machen lassen, und das ist ja die Hauptsache.

Ich hätte so viele interessante Fotos, ob nun ein Ausblick vom Moscheeturm in Wa, Fort Patience im Sonnenuntergang, ein frisch abgetrennter Stierkopf aufm Fleischmarkt oder meine neue Frisur, wobei die beiden letzteren wirklich eklig sind ;), aber ich hab leider grad ständig Viren vom Internetcafé auf meinem Stick und irgendwie funktioniert grad alles nicht so toll. Ich hoff, ich kriegs irgendwann mal hin, aber momentan bin ich froh, dass wenigstens das mit dem Bericht hier klappt, und mit unbekannten Fotos im Gepäck freut ihr euch vielleicht wenigstens ein bisschen auf meine Rückkehr 🙂 Nur noch vier Monate, ich hab schon Angst, ich schaff gar nicht mehr alles, was ich mir hier vorgenommen hab.

Also bis bald,

in treuster Verbundenheit und mit Tränen im Herzen, die eure Ferne beweinen, voll zärtlicher Gedanken an die liebliche Heimat und erfüllt von einer tiefen Sehnsucht, die von keiner ach so großen Freude hier ausgelöscht werden kann … Laaangweilig!

Liebe Grüße an alle zukünftigen Championsleague-Sieger und Europameister,

Matze

Im Westen viel Neues

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Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Unter diesem Motto ging es für mich über Ostern in den Westen – fünf Tage geprägt von richtig guten Erlebnissen.
Es ging munter los am Karfreitag – der Herr möge es mir verzeihen – wo ich im Städtchen Wenchi Quartier schlug. Die meiste Zeit dort verbrachte ich allerdings auf der Suche nach selbigem, da die zwei billigeren Hotels aus meinem Reisehandbuch beide ausgebucht waren. So stand ich am Ende vor einer recht teuren Lodge (das heißt 45 Cedi (22€) für ein Zimmer, aber das sind hier halt dreißig Abendessen oder eine Trotrofahrt durch ganz Ghana und zurück) und hab schon mal die dümmsten Alternativen durchgedacht. Die Leute in der Lodge waren dann aber supernett, haben mir erstmal frische Mangos serviert und dann zu einem vierten Hotel gebracht und dort den Preis für mich auf 30C runtergehandelt. So viel Hilfsbereitschaft, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, ist zwar auch hier in Ghana eher selten, aber doch häufiger als bei uns, denke ich. Glück im Unglück, Fazit: Vorher buchen oder Zelt kaufen.
Von der übrigen Zeit ging dann nochmal einiges beim verzweifelten und letztendlich erfolglosen Versuch drauf, im Internetcafé ein sechzehnsekündiges Video hochzuladen. Ansonsten hatte Wenchi schon mal viel davon zu bieten, was den Norden Ghanas vom Süden unterscheidet: Mehr Moscheen, mehr Fahrräder, mehr Kühe, und ich denke eine andere Lebensweise; einfacher, traditioneller und bescheidener. In Erinnerung bleibt mir ein Moment abends auf einem kleinen Platz – in der Mitte fußballspielende Kinder, drumherum eine Moschee, ein Ziegenstall, Palmen, darunter Großmütter mit Enkeln beim Kochen und Frauen mit Babys in traditionellen Gewändern beim Wasserholen, dazu der Gesang des Muhidzins – und ich konnte einfach nur ungestört dastehen und genießen und mich am Ende kurz und schmerzlos mit den Leuten unterhalten. Um neun im Hotelzimmer klopfts plötzlich an der Tür, ich mach vorsichtig auf und es kommt ein Typ rein, der mir nur seine Visitenkarte gegeben hat und gemeint hat, sie kümmern sich darum, dass es Fremden in Wenchi gut geht, bei Problemen soll ich ihn einfach anrufen, und ist wieder gegangen. Dubios, aber dabei ist es dann auch geblieben.
Samstagmorgen gings weiter in den Bui-Nationalpark, das ursprüngliche Hauptziel meiner Reise. Dort haben mich zwei Geschäftsleute aus den USA bzw. Indien auf ihrem Pickup mit durch den Park genommen, ein ziemlicher Glücksfall. Die angepriesenen Nilpferde im Volta haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber eine artenreiche Savannenlandschaft, traditionelle Fischer und den Staudamm, der dort gerade von einer chinesischen Firma gebaut wird und ab nächstem Jahr zwanzig Prozent des Energieverbrauchs Ghanas liefern wird, sehr beeindruckend. Leider wird der Stausee große Teile des Parks fluten und wohl die Nilpferde vertreiben. So hat auch diese Seite zwei Medaillen (Rudi Völler, glaub ich). Auf einem nahegelegenen Hügel, von dem aus man in schier endlose Weiten blicken konnte, hab ich mir den Sonnenuntergang angeschaut und gedacht, besser gehts eigentlich nicht – doch zu früh gefreut, am Montag kams noch doller.
Zunächst bin ich jedoch am nächsten Morgen mit dem Parkguide hinten aufm Moped ins nächste Dorf gefahren, Banda Nkwanta, wo ich aufs Dach einer sehr bekannten alten Moschee in Lehmbauweise steigen durfte. Unterwegs wurden wir von einem Polizisten angehalten, der recht humorlos meine Tasche und Kamera durchschaute, wohl bezüglich diskreten Informationen über den Damm, aber bis zu den Fotos ist er zum Glück nicht vorgestoßen. Wir haben zwar alles mit offizieller Führung durch einen der Ingenieure gemacht, aber hätte womöglich trotzdem Probleme gegeben. Man kommt sich schon immer ein bisschen vor wie in einem schlechten Film, weil die Polizisten hier alle mit schweren Geräten auf dem Rücken rumlaufen, aber bis auf den einen waren bis jetzt alle recht freundlich. Die zweite Station des Tages war dann Kintampo, wo es zum einen den offiziellen Mittelpunkt Ghanas (laut dortiger Inschrift zugleich das Zentrum des Universums) und zum anderen sehr berühmte Wasserfälle zu bestaunen gab, unter denen man sich erfrischend abduschen konnte, auch wenn mein halbnackter Obruni-Astralkörper leider eine ziemliche Attraktion darstellte 😉
Das unerwartete Highlight der Reise kam dann wie gesagt am Ostermontag. Nachdem ich zwischenzeitig pleite war und das Geldabheben einige Zeit und Umwege gekostet hatte, wollte ich eigentlich nur noch kurz im als sehr schön beschriebenen Benediktinerkloster Kristo Buase nahe Techiman vorbeischauen. Sehr schön war dann allerdings so dermaßen untertrieben, dass ich spontan noch eine Nacht dort dranhängte. Das Kloster lag, durch schattige Obstwälder und wilde Feuchtsavanne abgeschieden vom Rest der Welt, zwischen canyonartigen Felsen und prächtigen Gärten – ein Paradies auf Erden, eine Oase der Ruhe. Oder, ums etwas zeitgemäßer und dennoch religionsnah auszudrücken: Holy shit, göttliche Scheiße! Die Felsen boten eine noch herrlichere Aussicht als der Hügel in Bui, die Natur war noch vielseitiger und in den Klostergärten konnte man zum Beispiel reife Sternfrucht vom Baum pflücken und essen. Auch als Kurzzeitbesucher wurde ich gleich eingegliedert in das Leben der Mönche, unter denen auch zwei Weiße aus Schottland waren. Das heißt alle paar Stunden gemeinsames Gebet, Andacht oder Gottesdienst, was ich für den einen Tag als wirklich gute und einzigartige Erfahrung aufgenommen habe – hätte ich nicht gedacht, aber nach einem komischen Gefühl am Anfang hab ich das Beten und Singen am Ende eigentlich als relativ angenehm empfunden. Und ich hab fernab der Heimat doch noch auf ganz eigene Weise Ostern gefeiert.
Keine Angst, der eine Tag hat mir schon gereicht; soweit ich jetzt sehen kann, würde ich nie ein Leben lang ins Kloster gehen. Aber ich denke, die Zeit hier in Ghana hat mir die Selbstständigkeit und Offenheit gebracht, neue und ungewöhnliche Dinge einfach mal auszuprobieren – ins Kloster zu gehen, alleine durch ein fremdes Land zu reisen ohne einen festen Plan in der Tasche, jedes noch so seltsame Essen zumindest zu probieren, neue Kulturen kennenzulernen (ghanaisch-amerikanisch-indisch-schottisch-deutsch in fünf Tagen), sich womöglich bald die Haare radikal abschneiden zu lassen und so weiter, und dafür bin ich schon jetzt dankbar. Denn wer kann schon von sich sagen, einen Tag in einem afrikanischen Kloster gelebt zu haben.
Aus Kristo Buase in den örtlichen Trubel zurückzukehren, war dann fast so, wie aus einem Traum aufzuwachen. Plötzlich wieder hupende Autos, laute Musik, aufdringliche Verkäufer, enge, schmutzige Gassen, Obruni-Zurufe von allen Seiten – aber letztendlich eben die Rückkehr in den ghanaischen Alltag, den ich hier zu schätzen und lieben gelernt habe, und der – auch wenn man es sich manchmal erst wieder neu bewusst machen muss – einfach immer noch die größte Faszination von allem ist.
Ein sehr sonderbares Déjà-vu ganz zum Schluss bot die Ankunft in Denkyemuoso: Stromausfall, das ganze Dorf stockdunkel, überall unklare Gestalten, ich selbst verschwitzt, müde, hungrig und erschöpft von einer langen Reise, aber glücklich, angekommen zu sein – genau wie in der allerersten Nacht hier.
Viele von euch werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich hier so viel alleine unternehme. Es wäre sicherlich etwas anderes, zu zweit oder in einer Gruppe zu reisen – vielleicht manchmal angenehmer, einfacher, ausgelassener, und ich glaube, nicht viele würden es so machen wie ich. Aber wenn ich so von den Shopping-, Strand- und Partyurlauben anderer Volunteers höre, denke ich mir, das ist nicht das, wofür ich persönlich nach Ghana gekommen bin. Ich freue mich jetzt schon wieder ein klein wenig auf gemeinsame Abende mit euch zurück in Deutschland und ich werde auch hier sicherlich nicht als Eremit leben, aber ich denke, ab und zu bietet das eigenständige Reisen doch die besten Möglichkeiten, seine Wünsche zu erfüllen. Suum cuique, wie der alte Lateiner zu sagen pflegt. Und so ganz alleine ist man hier eh nie, egal ob man nun ghanaische Touristenhelfer, indische Geschäftsleute oder schottische Mönche um sich hat.
Genug der Worte, liebe Grüße nach Deutschland, viel Spaß, Glück und Erfolg bei was auch immer ihr gerade macht und vorhabt! Ich hoffe, ihr hattet schöne Osterfeiertage, habt alle Eier gefunden und euch gehts genauso gut wie mir! Meine Ferien gehen jetzt eigentlich erst richtig los, mal sehen, wohin mich meine neu gewonnene Abenteuerlust treibt 😉
Machts gut,
Matze

PS: Noch eine Anmerkung zum letzten Bericht: Ich hoffe, es kam nicht so rüber, als wäre ich hier in Denkyemuoso am Verzweifeln und würde am liebsten zurückwollen – im Gegenteil. Natürlich sind manche Sachen anders und schwierig für mich, aber mein Wunsch und Ziel war und ist es immer noch, Afrika so kennenzulernen, wie es wirklich ist, und genau das tue ich gerade. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um das Paradies auf Erden zu finden (auch wenn mir das in Kristo Buase zufällig geglückt ist), sondern um den Alltag zu erleben und mich Problemen zu stellen. Deswegen finde ich es auch weiterhin einfach nur fantastisch, dass ich in dem, was lange Zeit so fern schien, jetzt doch mittendrin bin. Ein Alltag voller Erfahrungen und Reisen voller Erlebnisse, was will man mehr.

So, das war der Bericht, wie ich ihn eigentlich gestern hochladen wollte. Blöderweise kam dann noch ein kurzer Krankenhausbesuch dazwischen (Verdacht auf Malaria und ich nehm jetzt auch die Medikamente, aber so ganz glauben kann ichs eigentlich nicht, dafür fühl ich mich zu gut). Alles halb so wild, muss man auch mal erlebt haben.
Also nochmal schöne Grüße und bis bald 🙂